Auf der langen Meile

Mehr als 25 Jahre unterwegs auf der langen Meile

Pacific Crest-, Continental Divide- und Appalachian-Trail – so heißen die drei großen Fernwanderwege der USA, die für mich nach der Lektüre von „Laufen, Essen, Schlafen“ von Christine Thürmer zu Sehnsuchtsorten geworden sind – wieder einmal.

Vergangene Woche bin ich mit meinem Cousin Michael unterwegs ans Krankenbett eines lieben Verwandten, der leider unheilbar erkrankt ist. Ich habe meinen Cousin ein paar Jahre nicht gesehen und trotzdem stellt sich sofort diese unvergleichliche Vertrautheit ein, die man nur mit nahen Verwandten erlebt. Mit Michael verbinden mich aber auch prägende Erinnerungen an ziemlich coole Radreisen in den Jahren 1990 bis 1992, die wir jetzt wieder auffrischen.

Jetzt, in Nachbetrachtung dieses seltsam fröhlichen Tages am Krankenbett meines Onkels, wird mir klar, wie sehr sich gerade die letzte gemeinsame Radreise noch heute auf meine Sehnsüchte und Interessen auswirkt, darunter auch das Laufen.

 

August 1992

Wir haben uns heute Morgen in Nördlingen auf unsere vollbepackten Räder geschwungen – zwei notdürftig mit Gepäckträgern zum Reiserad umgerüstete Rennräder. Dabei haben wir nur das Nötigste. Ein Rennrad ist kein Packesel.

Neben einem kleinen Zelt, Schlafsäcken, zwei Pappdeckel-dünnen Alumatten, Kocher und Werkzeug ist nur noch wenig Raum für Kleidungsstücke. Egal, es geht in den Süden. Unser Ziel ist Sizilien.

Zeit und Energie haben wir, gerade 18-jährig, in Hülle und Fülle. Geld dafür umso weniger. Und gerade letzteres erweist sich als großer Glücksfall.

Gastfreundschaft

Im Lechfeld. Der erste Tag neigt sich dem Ende. Es regnet in Strömen und der Enthusiasmus ist rekordverdächtig schnell geschrumpft. Müssen wir bei diesem Wetter zelten? Und wenn, wo?

Ein Hotel würde unser Budget schon am ersten Tag sprengen. Es ist aber sowieso keines in Sicht, auf unserer Route scheint es nur Bauernhöfe zu geben. Vielleicht lässt uns ein Bauer in seinem Stall schlafen? In Geschichten geht das doch auch immer.

Die Nachfrage am ersten Bauernhof führt nicht nur zu einem üppigen Abendessen im Warmen, sondern auch zu einer kostenlosen und warmen Nacht im Gästezimmer. Federbetten, tolle Gespräche und Erinnerungen inklusive. So kann es weitergehen.

Wildes Zelten

Und so ging es weiter. Der Alpenüberquerung folgten die ersten Erfahrungen im wild campen.

Mitten in der Po-Ebene werden wir bei einem Straßenfest eingeladen und verlieren dabei die Zeit aus dem Sinn. Ein Campingplatz ist so nicht mehr erreichbar. Ich kann mich heute noch lebhaft an die vielen Geräusche der Nacht aus den Feldern rund um unser einsames Zelt erinnern. Wir schlafen lange nicht ein.

Radreise Italien
Der Autor irgendwo südlich von Rom – den Ort hatte ich leider nicht notiert.

Eingeladen werden wir auf dieser Reise immer wieder, zum Teil von der Straße weg zum Essen bei Mama.

Freiheit pur

Seit der Nacht in der Po-Ebene steuern wir Campingplätze nur noch jeden dritten Tag zum Duschen und zum Waschen der Wäsche an. Und so banal diese Entscheidung sich gerade im Nachhinein liest, so bedeutet sie doch einen enormen Freiheitsgewinn für unsere Reise. Und das Einschlafen klappt schon beim zweiten Mal sofort.

„Sein Nachtlager aufzuschlagen, wo man es selbst für geeignet hält, und unabhängig von vorgegebenen Unterkünften oder Plätzen, ist Freiheit pur!“

Leider habe ich das bei späteren Radreisen oder Wanderungen mangels Not verlernt, selbst in Skandinavien, wo es offiziell erlaubt ist, habe ich nur auf Campingplätzen oder in Hütten geschlafen. Die Hemmschwelle hat das natürlich wieder ansteigen lassen.

Wildes Zelten steht ab sofort wieder auf meiner ToDo- bzw. Wunschliste…

Südlich von Rom schlafen wir nur noch direkt am Meer und sparen uns damit in der Folge auch noch den Zeltaufbau. Die Nächte direkt unter dem Sternenhimmel – mit Meeresrauschen im Hintergrund – sind einzigartig. Nur mit dem lieben Sand in jeder Pore muss man seinen Frieden schließen.

Diskussionen unter Sternenhimmel

Die Diskussionen und Gedanken, die durch einen allabendlichen Blick in den Sternenhimmel entstehen, verkürzen so manche Nacht und verrücken das eigene Weltbild.

Wir genießen die Freiheit und gewöhnen uns so sehr an sie, dass wir ihr letztlich sogar unser Ziel „Sizilien“ opfern. In Neapel angekommen, setzen wir spontan nach Sardinien über, und durchqueren einen Teil dieser wunderschönen und wilden Insel, die so gut zu unserer Reiseform passt. Ein italienischer Tierarzt hat uns diesen Schritt bei einer Einladung zum Essen empfohlen: „Fahrt auf die Inseln, in Sizilien ist nur die Mafia“.

Unvergessen die Nacht auf dem Dach eines Bunkers am Strand in der Nähe von Alghero. Ein Hirtenjunge hat uns 20 km vorher bei der Vorbereitung unseres Nachtlagers vor wild laufenden Hunden gewarnt, sodass wir die Härte des Betons suchen. Gut zwei Meter oberhalb des Strandes, auf dem Dach eines alten Bunkers, fühlen wir uns vor wilden Hunden sicher.

Flexibilität

Unsere Reise endet schließlich, ganz anders als geplant, eine weitere Fährfahrt später, und nach ein paar hundert Radkilometern entlang der französischen Küste, am Fuße der Pyrenäen.

Dort wissen wir meine Eltern im Urlaub. Und wir wollen unser letztes Geld lieber in die weitere Reise statt in eine teure Bahnfahrt zurück investieren, sodass wir die Route entsprechend anpassen.

Meine Eltern staunen nicht schlecht über die unerwarteten, aber willkommenen Mitbewohner für die letzten Tage ihres Urlaubs und die darauf folgende Heimreise.

Meilenstein im Leben

Heute glaube ich ehrlich, dass diese Radreise einen Teil meines Lebens geprägt hat.

Die dabei erlebte Freundschaft und die Gastfreundlichkeit der Menschen unterwegs waren einzigartig.

Das belohnende Gefühl nach der körperlichen Anstrengung, die Nähe zur Natur und die große Freiheit auf der langen Meile hingegegn suche und finde ich seither immer wieder auf dem Rad und in den letzten Jahren zunehmend beim Laufen.

Ihre Ausprägung ist dabei natürlich geringer als dies bei längeren Unternehmungen wie einer Fernwanderung oder  einer Radreise möglich ist, dafür aber alltagstauglich.

Die lange Meile wirkt nach

Andere Dinge haben in der Zwischenzeit einen höheren Stellenwert eingenommen. Schon ein paar Wochen nach dem Ende der beschriebenen Radreise hat mich die Liebe zu meiner heutigen Frau gepackt. Meine Blickrichtung veränderte das schnell.

Später war ich zwar noch ein paar Mal mit dem Rad unterwegs auf der langen Meile, aber es war anders. Auch gut, aber nie mehr hab ich mich so frei gefühlt. Geld war jetzt zwar ausreichend da, aber der Zeitrahmen war immer schon vorher gesteckt. Nach Sizilien bin ich schließlich aber doch noch geradelt.

Nochmal ein Highlight der besonderen Art war die gemeinsame Radreise mit meiner Frau im Rekordsommer 2003. Auf einem Tandem fuhren wir von München nach Rom. Bis dahin hatte ich meinen Sport immer alleine betrieben. Schon deswegen hat diese Tour einen besonderen Platz in meinen Herzen – auch ganz ohne wildes Campen.

Was hat so eine Radreise mit dem Laufen zu tun?

„Heute finde ich einen Teil dessen, was die Radreise 1992 ausgemacht hat, beim Laufen. Etwas weniger spektakulär und in komprimierter Form, dafür aber jeden Tag aufs Neue.“

Als Läufer kann ich mich täglich an der Natur, der Freiheit im Wald und dem guten Gefühl nach der Anstrengung erfreuen.

Und hinterher gleich wieder an meinem schönen Zuhause, einem gepflegten Kaffee und meiner tollen Familie.

Und um zum Ausgangspunkt dieser Gedanken zurückzukehren: Derzeit finde ich mein Glück zwischen Familie, Job und kleineren Laufabenteuern. Das heißt aber nicht, dass zur gegebenen Zeit nicht doch noch der Pacific Crest Trail (PCT) oder ein anderes großes Abenteuer ihren Platz in meinem Leben finden werden.

Alles zu seiner Zeit!

Und wenn mein Sohn eines Tages auf die Idee einer Radreise kommen sollte, so hat er meinen Segen. Das ist sicher…

 

10 Gedanken zu „Auf der langen Meile“

  1. Tolle Erinnerungen sind das. Da ist es doch gut, ein Reisetagebuch geführt zu haben. Oder hast Du diese Details noch so in Erinnerung? Dann kann ich Dich nur dafür bewundern.

    Der Anlass für das Stöbern in alten Zeiten ist natürlich nicht erfreulich. Aber ich wette, wenn Dein Onkel diesen Beitrag liest, wird er einige schöne Stunden mit Erinnerungen verbringen.

    Liebe Grüße
    Rainer 😎

    1. Hallo Rainer,

      an ein Reisetagebuch denkt wohl kaum ein 18-Jähriger und mir ging es da seinerzeit nicht anders. Die Erlebnisse dieser Radtour kann ich mir sehr leicht merken, da ich sie immer mal wieder Revue passieren lasse. Ich habe beim Schreiben allerdings mal Google-Earth bemüht, um den Strand mit dem Bunker in der Nähe von Alghero zu suchen – und gefunden habe ich den leider nicht mehr. Aber diese Bunker waren wohl auch nicht so gut sichtbar von oben ;-)… oder er wurde doch mal entfernt.

      Mein kranker Onkel, den wir da besucht haben, könnte mit der Tour von damals wohl nicht recht viel anfangen (nicht der Vater meines Cousins Michael), die Erinnerungen dazu haben wir deshalb auch auf der Fahrt zu ihm gewälzt. Aber auch am Krankenbett hatten wir einen unerwartet heiteren Nachmittag – auch das sehr bemerkenswert bei einem unheil Kranken. Sollte ich einmal in eine vergleichbare Situation kommen, so wünsche ich mir, dass ich mich ähnlich heiter und offen mit meinem Besuch austauschen werde. Das war echt unglaublich.

      Beste Grüße
      Sebastian

  2. Lieber Sebastian,

    liest sich alles so gut und so positiv, besonders erfreulich, dass du dir diese Lust auf Abenteuer mit Bewegung bis heute bewahrt hast und immer noch viel Freude daran findest. Irgendwann, wenn dein Sohn in deine Fußstapfen treten wird, dann hast du hoffentlich noch genügend Zeit deine Lust auf weitere Abenteuer zu stillen.

    Den Spagat zwischen Arbeit, Familie müssen wir wohl alle schaffen, wenn dabei noch genügend Freiraum (verständlicherweise in kleinerem Maße als früher ) bleibt, dann machst du alles richtig – kommt mir sehr bekannt vor, da wohl fast jeder von uns in der gleichen Lage ist oder – wie ich war !

    Mit dem Tandem eine so weite Strecke, das stelle ich mir allerdings als Zweitfahrer weniger prickelnd vor, ich wäre dann lieber mit meinem eigenen Fahrrad gefahren, aber wenn es gut geklappt hat, umso besser !

    Ich mag deine Gedankenausflüge ! 😎

    1. Liebe Margitta,

      ja, das kennen wohl alle Eltern, die unsere Interessen und Leidenschaften teilen. Ich habe letztere heute mit meinem Sohn geteilt und wir haben eine tolle Wanderung zusammen unternommen – nur unter Männern 😉

      Das hat riesig Spaß gemacht und er hat nicht einmal unterwegs gequengelt – im Gegenteil. Ich denke, wir waren am Ende nicht mehr weit von der 10km-Marke weg, als wir uns haben abholen lassen. Wir haben uns nämlich eine One-way-Wanderung gegönnt 🙂 Man läuft einfach befreiter, wenn man nicht an den Rückweg denken muss. Und Mama war hinterher ganz stolz, wie weit ihr Kleiner (5) gelaufen ist und hat uns gerne abgeholt. Wir haben unterwegs jedenfalls schon ausgemacht, dass wir das demnächst mal mit Zelt machen müssen.

      Zum Tandem: ich bin damals eben noch sehr viel Rad gefahren und meine Frau sehr wenig, da hätten wir mit 2 Rädern wenig Spaß gehabt. Bei einem Tandem kommt hinten die Summe aus A+B raus und man weiß nicht, wer wieviel eingebracht hat. Und am Abend sind beide gleichermaßen k.o. – das hat Vorteile.

      …Und sie hat ja sonst das Steuer in der Hand 😉

      Liebe Grüße
      Sebastian

  3. Hi Sebastian,

    ich finde den Beitrag sehr liebenswert: obwohl ich nicht dabei war, kann ich mir ganz leicht vorstellen, wie sich alles zugetragen hat, weil er so lebendig erzählt ist. Dann die Reflexion und die Beziehung zur Gegenwart, und jeder ahnt, dass du ganz sicher mal eines der großen Laufabenteuer bestehen wirst; so was kann die Anziehungskraft eines schwarzen Lochs entwickeln, wenn die Zeit reif ist.

    Liebe Grüße
    Wolfgang

    1. Hallo Wolfgang,

      oh ja, vor dieser Anziehungskraft fürchte ich mich fast ein wenig. Das Gute an diesen langen Trails ist, dass sie eigentlich in jedem Alter zu bestehen sind, sofern man halbwegs gesund ist. Dass mir letzteres erhalten bleibt, kann ich nur hoffen und weiterhin meinen Teil dazu beitragen.

      …und wenn die Zeit gekommen ist, dann hoffe ich, dass ich mein Herz auch in die Hand nehme und losziehe – bin da aber zuversichtlich.

      Bis dahin gibt es aber noch ein paar andere Laufabenteuer zu bestehen. Kürzere, aber vielleicht auch fordende. Jetzt nehme ich mir für das Sommerhalbjahr erstmal wieder einen schönen Landschaftsmarathon oder vielleicht auch ein bisschen mehr vor…

      Beste Grüße
      Sebastian

  4. Lieber Sebastian,

    vielen Dank für den Einblick in Deine Vergangenheit, es ist erstaunlich, was man alles erinnert, wenn der richtige Impuls gegeben wird.
    Das schlafen unter freiem Himmel, nur mit Schlafsack und Isomatte, habe ich in der Vergangenheit mal wieder bei einem Lauf im Schwarzwald auf dem Westweg aufgefrischt, 2 1/2 Tage laufend unterwegs, und am frühen Abend an geeigneter Stelle die Isomatte ausgerollt. Ist immer etwas gewöhnungsbedürftig, geht aber auch heute noch, versuch es ruhig mal wieder.
    Das Buch von C. Thürmer habe ich im April gelesen, war ganz nett, aber der PCT und der AT sind schon eine Hausnummer und werden wohl ein Traum bleiben, bei mir auf jeden Fall 😉

    Salut

    1. Lieber Christian,

      ja, PCT und AT sind schon eine Hausnummer, vor allem zeitlich und organisatorisch. In den nächsten Jahren wird das wohl auch bei mir nichts werden mit dem PCT, aber in 10 bis 15 Jahren…

      Du siehst, ich träume da schon in langen Zeiträumen 😉 Aber ich lebe ganz sicher nicht darauf hin. Nein. Jetzt leben und ein paar Träume in der Hinterhand – so würde ich das momentan zusammenfassen 🙂

      Und unter freiem Himmel schlafe ich diesen Sommer noch. Ganz sicher.

      Beste Grüße
      Sebastian

  5. Lieber Sebastian, „alles zu seiner Zeit!“ heißt aber genau auch: „mach es einfach, wenn alles passt“. So lese ich zumindest zwischen deinen Zeilen und so müssen besondere Sachen auch angegangen werden.
    Ein schöner Bericht aus deiner Vergangenheit, der mich jetzt ebenso gedanklich ein wenig schwelgen lässt. Sich den Sinn für entschleunigende Abenteuer zu wahren und die besonderen Momente schätzen zu lernen, ist eine tolle Eigenschaft. Ich hab keinen Zweifel, dass du nochmal was „grösseres“ durchziehst 🙂
    Beste Grüße, Oliver

    1. Hallo Oliver,

      genau so nehme ich mir das vor. Nichts anbrennen lassen, wenn sich die Möglichkeit ergibt. Und so ein paar Träume haben noch keinem geschadet. Ich mache ja zwischendrin auch noch ein paar nette Sachen.

      Schön, dass ich Dich gedanklich ein Stück mitnehmen konnte. Und das mit deinem Zutrauen freut mich natürlich – selbst bin ich da ja nicht immer ganz so sicher, …momentan aber eher schon 😉

      Beste Grüße
      Sebastian

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.