Ausgleichssport mit einem Bianchi von 1986

Bianchi Rekord 910s

heißt meine Neue. Sie ist Italienerin, zarte 30 Jahre alt, hat eine tolle Linie und kommt sehr sportlich daher. Mit einem Kleid in Perlmuttweiß und dezent roten Decals hat sie mein Herz im Sturm erobert. Sie hat Temperament und schnurrt wie eine Katze. Die erste Testfahrt nach knapp zwei Wochen Intensivpflege hat nicht weniger als Gänsehaut bei mir hinterlassen.

Aber was hat das mit Laufen zu tun?

 

Das hat so wenig mit Laufen zu tun, dass sich diesmal sogar der FlowRunner zunächst geweigert hat, fürs Beitragsfoto zu posieren – er hat sich dann aber doch besonnen. Es war wohl etwas Eifersucht im Spiel.

AusgleichsBeschäftigung

Der Urlaub hat mich, wie zuletzt beschrieben, mal wieder etwas Abstand vom Laufen gewinnen lassen und das hat sich auch in den ersten Wochen danach nicht so richtig geändert. Erst war es mir noch zu warm, dann hatte ich zu viel anderes zu tun, aber letztlich hat mir einfach ein wenig die Leidenschaft dafür gefehlt. Die kehrt gerade zurück, aber davon will ich separat berichten.

Die lauffreie Zeit habe ich auch dafür genutzt, ein wenig Platz zu schaffen und die zahlreichen zu klein gewordenen Zweiräder meines Sohnes zu verkaufen. Zwei Laufräder und sein erstes Fahrrad wollten an den Mann / die Frau gebracht werden und das erforderte, dass ich mich auf Anraten eines Freundes zum ersten Mal mit den ebay-Kleinanzeigen befasste. Im Ergebnis hat das super funktioniert, denn nach 3 Tagen hatte ich sie alle drei verkauft. Dass mich das, was sich so einfach anhört, dank gut 50 e-mail-Anfragen fast zwei Tage von allem anderen abgelenkt hat, sei hier nur am Rande erwähnt.

Ein alter Traum

Die Beschäftigung mit den Kleinanzeigen hat nebenbei noch eine alte Idee zum Aufleben gebracht. Seit Jahren plane ich die Anschaffung und Restauration eines Rennrades aus der Zeit meiner ersten eigenen Rennradausflüge Ende der achtziger Jahre. Warum kann ich gar nicht genau beantworten. Zum einen ist das gerade ein wenig in Mode und es gibt mit l’Eroica sogar eine weltweite Veranstaltungsreihe dazu (Radmarathons nur für Rennräder vor 1987). Zum anderen liegt es wahrscheinlich am Älterwerden. Man geht nicht mehr alles zukunftsorientiert an, sondern ist auch gerne mal rückwärtsgewandt unterwegs, vor allem gedanklich. Solange es Spaß macht und man sich nicht darauf beschränkt, sehe ich darin auch kein Problem. Im Gegenteil, ich genieße die Freiheit, dass ich es tun kann und irgendeinen Spleen braucht Mann halt.

Nach einer Woche Marktrecherche hatte ich einen ganz guten Überblick gewonnen. Die Technik war mir sowieso noch bestens vertraut, denn man konnte mich früher ohne Übertreibung als Fahrrad-verrückt beschreiben und auf das damals erworbene Fachwissen kann ich noch heute zurückgreifen. Solange mich etwas wirklich interessiert, ist mir das Lernen und Merken eben nie schwer gefallen. Jedenfalls kenne ich noch heute fast jeden Radrennfahrer der späten achtziger und neunziger Jahre und nicht weniger, die von ihnen benutzten Räder.

Klassische Rennräder

Das Angebot von Rennrädern aus den achtziger Jahren ist vordergründig betrachtet groß. Die Nachfrage nach gut erhaltenen Modellen von traditionsreichen Herstellern leider auch, was dazu führt, dass die Gesuchten rar und teuer sind. Außerdem kann man  gut 80% der angebotenen Räder von vornherein aussortieren, weil einem entweder Hersteller, Zustand oder die Preisvorstellung des Bieters nicht gefallen. Unter den verbleibenden 20% gilt es dann noch eines in der richtigen Größe zu finden, das man sich leisten kann und möchte. Und dann gilt es durchaus auch schnell zu sein. Glück hatte ich also, dass ich sogar ein passendes Angebot in meiner Region finden konnte, denn ein 30 Jahre altes Rennrad anhand von Bildern zu kaufen, das kam für mich nicht in Frage.

 

Bianchi Rekord 910s FlowRunner
Bianchi Rekord 910s von 1986

 

Mein auf diese Weise neu erworbenes Bianchi wurde in den letzten Jahren gar nicht mehr gefahren und zum Glück im Trockenen gelagert. Dass die Besitzerin und frühere Nutzerin eine Frau war, ermutigte mich zusätzlich zum Erwerb, habe ich doch die Erfahrung gemacht, dass Frauen einfach besser mit ihren Rädern umgehen. Sicher nicht geschadet hat dem Rad, dass ihr Mann es regelmäßig gepflegt und gewartet hat. Im Ergebnis stand ein noch fast komplett original ausgestattetes Rennrad vor mir, das ich mir zutraute, ohne allzu große Zusatzinvestitionen in den noch zu ermittelnden Originalzustand zurückzuversetzen und für viele weitere Kilometer fit zu machen.

Bianchi Rekord 910S aus dem Jahr 1986

Den Originalzustand zu ermitteln war dann gar nicht so leicht. Zwar hat das Bianchi eine Rahmennummer, aber der Hersteller hat seine Rahmen – ganz italienisch – wohl nicht durchgängig und auch nicht fortlaufend nummeriert. Auch dass die Typenbeschriftung wahrscheinlich einem sehr gründlichen Reinigungsvorgang zum Opfer fiel, hat die Sache nicht gerade erleichtert.

Dennoch glaube ich, dass ich nach dem Vergleich mit alten Prospekten und vergleichbaren Modellen im Netz ziemlich sicher sagen kann, dass mein neues Spielzeug aus dem Jahr 1986 stammt. Sehr wahrscheinlich wurde es auf den Modellnamen Bianchi Rekord 910S getauft. Das Modell Limited aus dem gleichen Jahr käme zwar in Bezug auf Rohrmaterial und Ausstattung auch in Frage, allerdings wurde es wahrscheinlich nicht in dieser Lackierung angeboten.

Das Jahr 1986 fällt in die Vor-Internet-Ära, was einem spätestens, wenn man es versucht, deutlich vor Augen führt, wie sehr sich solche Recherchen mittlerweile vereinfacht haben. Für jedes heutige Modell gibt es eine elektronisch lesbare Beschreibung, so dass es wahrscheinlich auch in Jahrzehnten noch einfach zu bestimmen sein wird. Soviel zum Vorteil der heute vernetzten elektronischen Welt. Von den Spuren, die man heute hinterlassen kann, ohne dass man es will, möchte ich jetzt mal nicht reden.

Neuer Glanz

Nach zwei Wochen Arbeit und Ersatzteilbeschaffung erstrahlt mein Bianchi nun trotz originalgetreuer Ausstattung in einem erstaunlich neuen Glanz. Ich bin schon ein wenig vernarrt in die für Radverhältnisse „ältere Dame“ und bei der ersten gemeinsam Ausfahrt unter der Sonne des herrlichen Spätsommers hat sie mich mit ihrer Leichtgängigkeit und einem sanft schnurrenden Fahrgeräusch endgültig um den Finger gewickelt. Ich habe mich dabei allerdings auch nicht lumpen lassen und es zwischendurch sogar mal wieder richtig laufen lassen. Beim Radfahren kann ich mich immer noch unbeschwerter belasten als beim Laufen.

Entsprechend platt aber glücklich war ich nach der knapp zweistündigen Ausfahrt. Ich wusste gar nicht mehr wie geräuscharm eine Rennradausfahrt sein kann. Verglichen mit dem historischem Stahlrenner poltern die heutigen oversized Carbonräder dank großem Resonanzkörper geradezu durch die Landschaft. Freilich kann das Bianchi – rein technisch betrachtet – nicht mehr mithalten: es dürfte zwischen 9 und 10kg wiegen und hat lediglich 12 Gänge, die nur im Sitzen gewechselt werden können. Aber es ist ein so nachhaltiges produkt. Die Teile sind so robust und haltbar, man kann sie leicht warten und das Rad wäre sogar leicht zu recyclen, wenn man das wirklich wollte.

„Sagte ich schon, dass mein Bianchi auch gut zu seinem neuen Fahrer passt?“

Das tut es nämlich auch. Einst ein echter Mittelklasserenner ist es mittlerweile zwar etwas in die Jahre gekommen, aber es ist immerhin noch unterwegs und wird mit Erfahrung und Ruhe noch so manche sportliche Herausforderung meistern.

 

Transalp 2003 FlowRunner
Ich mochte immer schon klassische Stahlrahmen, hier auf meinem damaligen Gios beim Transalp 2003
Ausgleichssport

Anders als beim Laufen, fehlt mir zum täglichen Radtraining mittlerweile nicht nur die Zeit, sondern meist auch die Lust. Diese Zeit ist lange vorbei. Aber an einem so schönen Tag wie gestern, an dem meine Achillessehnen sowieso signalisierten, dass eine Laufpause gut wäre, da macht es mir dann doch wieder richtig Spaß. Und mit meiner neuen und stilvollen Lady umso mehr!

Ansonsten hat für mich gerade die beste Jahreszeit zum Laufen begonnen und ich bin wieder mehr oder weniger täglich im Geschäft. Allerdings muss ich mich nach den letzten laufarmen Wochen erst wieder daran gewöhnen, die Achillessehnen haben jedenfalls schon lange nicht mehr gezwickt.

Das Bianchi bleibt heute im Haus. Der Wald ruft und ich komme – zu Fuß!

>> Mehr zum Bianchi

 

12 Gedanken zu „Ausgleichssport mit einem Bianchi von 1986“

  1. Lieber Sebastian,
    da hast Du ein schönes Stück Geschichte erworben, gefällt mir ausgesprochen gut und es scheint so, dass die „Dame“ bei Dir ein würdiges zu Hause gefunden hat. Ich war zwar nie ein Fan von den Rennmaschinen, aber ich muss gestehen, das Rad hat Charme 🙂
    Ich wünsche Dir viel Spass beim touren und natürlich auch wieder beim Laufen, nachdem Dein Urlaub vom Laufen vorbei ist.

    Salut

    1. Lieber Christian,

      Freut mich, dass Dir meine Neuerwerbung auch gefällt, steckt schon auch viel Arbeit und Herzblut drin. Aber es war eine schöne Arbeit und eine sonderbar vertraute. Beim Laufradzentrieren ist es auch schon mal Mitternacht geworden ohne dass ich es gemerkt hätte. Irgendwann hat mich meine Frau dann aus dem Keller geholt 😉

      Beste Grüße
      Sebastian

  2. Lieber Sebastian,

    sieht sehr elegant, schnittig aus – etwas Besonderes, das nicht jeder hat, aber das passt in meinen Augen sehr gut zu meinem Bild, das ich von dir habe.

    Apropos Bild, siehst gut aus auf dem Rennrad aus vergangenen Zeiten !

    Auch ich bin und war nie ein Fan von Rennrädern – jedenfalls nicht für mich, wobei die heutigen, z.B. beim Triathlon, schon sehr gut aussehen und sicherlich auch ihren Zweck zu 100 % dienen.

    Hübsch auch dein Flowrunner, platziert auf dem Sattel, passt zu der hochglanzpolierten Lady deiner Wahl !

    Und vergiss dabei ja nicht das Laufen ! 😎

    1. Liebe Margitta,

      Ich hoffe ich kann Dein Bild – so zutreffend es schon sein mag – irgendwann mal durch ein reales ergänzen. Bin diesbezüglich aber zuversichtlich. Das Laufen vergesse ich sicher nicht, das ist ein Fixpunkt in meinem Dasein und ich werde es solange betreiben wie es geht. Auch in den letzten laufarmen Wochen habe ich nie länger als zwei Tage pausiert. Ab dem dritten Tag fangen die guten Beine unangenehm zu kribbeln an 😉

      Außerdem will ich im kommenden Jahr nach Biel…

      Beste Grüße
      Sebastian

  3. Hallo Sebastian da hast du dir ein tolles Teil zugelegt es sieht schick aus und es macht auch sicher Spaß mit so einem oltaimer auszufahren ich dachte du hättest dir einen Bus zugelegt habe viel Spaß damit habe auch das Wort biel gelesen super Gruß Günter

    1. Lieber Günter,

      Das mit dem Bus muss wohl noch ein paar Jahre warten, aber irgendwann…
      und ja, das Rad ist wirklich ein tolles Teil und macht wirklich richtig Spaß 🙂
      Wir sehen uns dann in Biel!

      Beste Grüße
      Sebastian

  4. Lieber Sebastian,

    du schreibst mir aus der Seele. Mir liegt viel daran, Müll (vor allem den, der nicht mehr recycled wird) zu vermeiden. Und mir liegt noch mehr daran, lange Freude an denselben Menschen / Aktivitäten / Sachen zu haben. „Ans Herz gewachsen“ ist einer meiner lieb gewordenen Ausdrücke.

    Mit deiner Entscheidung, ein altes Fahrrad (klingt erst mal abwertend, oder?) bei dir aufzunehmen, das einen mächtigen Charme hat, triffst du all diese Aspekte voll.

    Wer dauernd Neues kauft, entwertet damit das Neue von gestern. Du machst genau das Gegenteil: das Gute von gestern aufwerten und es ans Herz wachsen lassen. Das ist überhaupt nicht rückwärtsgewandt, sondern der wirklich einzige Weg, wie wir eine lebenswerte Zukunft erreichen können.

    Meine Neugier, wie viel du denn für die gereifte Italienerin bezahlt hast, kannst du ja stillen, wenn wir das nächste Mal zusammen laufen. Ich freu mich drauf!

    Liebe Grüße
    Wolfgang

    1. Lieber Wolfgang,

      Die Nachhaltigkeit der Aktion ist wirklich ein Aspekt, der mir erst beim Schrauben so richtig bewusst geworden ist. Aber das hat das Rad für mich noch aufgewertet. Ich bin sonst eher kein Sammler-Typ, aber rund um das Rad hat mir alles Spaß gemacht, vom Kauf bis zur Ausfahrt.

      Den Preis und die Folgekosten verrate ich Dir gerne, bin sowieso bald wieder bei Dir in der Nähe. Diese Räder sind unter Fans zwar gefragt, aber die sind ja nicht so zahlreich, weshalb sich ihr €-Wert doch in Grenzen hält und so bleibt das Ganze erschwinglich. Ausnahme: Du willst keine Arbeit investieren und gleich ein professionell restauriertes kaufen.

      Viele Grüße
      Sebastian

  5. Das finde ich richtig cool. Bei mir steht noch ein Rad zur Überholung, daß schon ein „Oldtimer“ war, als ich als Jugendlicher meine ersten Bahntrainings damit gemacht habe und die alten Colnago-Teile sind wirklich toll. Leider habe ich nie die Zeit gefunden mich mal diesem Schätzchen zu widmen, aber Dein Bericht ist eine tolle Inspiration. Vielleicht wird das ja mein Winterprojekt.

    1. Hallo Daniel,

      Schön, dass Du dich hierher verirrt hast! Dein Colnago solltest Du Dir unbedingt als Winterprojekt vornehmen, und wenn Du es selbst nicht willst, Colnagos sind recht gefragt. Ich bin seit dem Bianchi-Projekt jedenfalls echt angefixt und halte neben dem Fahren desselben auch schon wieder die Augen offen. Ein zweites hätte gerade noch so Platz 😉

      Beste Grüße
      Sebastian

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