Der Reiz des Einfachen

Laufen ist einfach

Das Laufen ist im Grunde eine einfache Tätigkeit. Nachdem wir es uns in der Kindheit mühelos aneignen und intuitiv richtig machen, scheint es danach der schwierigste Part zu sein, es mangels Ausübung nicht wieder zu verlernen.

Herbstgedanken

In den vergangenen Wochen habe ich oft darüber nachgedacht, warum ich mich vom Radsportler zum Läufer entwickelt habe. Warum fällt es mir so leicht fast täglich die Laufschuhe zu schnüren? Für ein regelmäßiges Radtraining könnte ich dagegen kaum mehr die nötige Energie aufbringen, und das obwohl es mir von meiner Veranlagung her so viel besser liegt.

Ein Teil der Antwort ist wahrscheinlich darin begründet, dass das Laufen so eine schlichte Tätigkeit ist.

Laufen ist efFektiv

Meine Leidenschaft für das Fahrrad ist noch da, aber sie glimmt meist nur. Ab und an flammt sie wieder auf, wie zuletzt in Form der wiederentdeckten Liebe zu klassischen Rennrädern wie meinem restaurierten Bianchi von 1986.

Gerade im Vergleich zu meiner alten Radsport-Leidenschaft offenbart sich aber die Schlichtheit und Effizienz des Laufens besonders gut.

Zum Laufen brauche ich fast nichts, und das „fast“ ist streng genommen auch nur der Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Akzeptanz und Ordnung geschuldet, denn natürlich könnte man wirklich mit nichts am Leibe loslaufen und würde nach kurzer Gewöhnung wohl auch gar nichts mehr dabei vermissen.

Aber selbst bei Einhaltung gesellschaftlicher Normen und der Akzeptanz des Fortschritts brauche ich heute nur sehr wenig Ausrüstung zum Laufen. Und kaum weniger wichtig, auch noch vergleichsweise wenig Zeit. Und letztere sogar in zweifacher Hinsicht, nämlich bezogen auf die Rüstzeit genauso wie auf die Laufzeit an sich.

„Es gibt wenig andere Ausdauersportarten, die in Bezug auf ihre Wirkung so effizient sind wie das Laufen.“

Zum Laufen braucht man wenig Zeit

Die kurze Rüstzeit des Laufens ist mir am letzten Wochenende wieder einmal bewusst geworden. Ich war aufgrund des schönen Herbstwetters und meines nicht weniger glänzenden neuen Rennrades gleich zweimal auf schmalen Reifen statt in Laufschuhen unterwegs. Das bedeutete jedes Mal Radklamotten anziehen, Reifendruck prüfen, nachpumpen, Miniwerkzeug und Pumpe einstecken, Rad aus dem Keller holen, Radflasche füllen und letztlich losradeln. Liest sich nicht weiter dramatisch und war es auch nicht, aber es kam mir ungewohnt langwierig vor.

Nach zwei Stunden war ich zurück, habe den Renner kurz entstaubt, in den Keller gebraucht, die Radflasche geleert und danach ging es nicht anders weiter als nach dem Laufen: ausziehen, duschen und wieder im Alltag ankommen.
Insgesamt hat mich der zweistündige Radausflug, den ich natürlich wahnsinnig genossen habe, nicht weniger als drei Stunden beschäftigt.

Für den gleichen Trainingseffekt wäre ich zu Fuß sicher nur halb so lang unterwegs gewesen, sowohl was die Rüstzeit angeht als auch die Trainingszeit.

Zum Laufen benötigt man kaum Equipment

Die nötige Ausrüstung für einen gelungenen Lauf passt in einen Sportbeutel. Ich brauche dafür in der Regel Funktionsunterwäsche, eine Laufhose, ein Shirt, Socken, Mütze, Sonnenbrille und meine Polar. Und dann natürlich ein paar Laufschuhe. Selbstredend lässt sich das heute je nach Laufdauer und -terrain beliebig ergänzen, aber lässt man sein „Konsum-Ich“ mal außen vor, braucht man wirklich weiter nichts.

Für meine Radausflüge am Wochenende war ich zwar auch nicht wesentlich anders ausgestattet. Statt der Laufhose eben eine Radhose und zusätzlich hatte ich einen Helm und Handschuhe an. Dazu kam dann aber noch das Rad an sich inkl. der nötigsten Pannenausrüstung (Schlauch, Miniwerkzeug). Klingt wenig, ist es aber nicht.

Laufen geht immer und überall

Gerade wenn ich viel unterwegs bin, freue ich mich über das Wenige, was ich zum Laufen brauche. Das nötige Equipment passt immer noch irgendwie ins Handgepäck, jedenfalls wenn man wie ich selten länger als 3 Tage unterwegs ist.

Eine kleine Laufrunde lässt sich einfach überall und bei jedem Wetter absolvieren.

„Es ist für mich deswegen zu einer festen Gewohnheit geworden, dort wo ich dienstlich über Nacht bleibe, eine abendliche Laufeinheit zu absolvieren.“

So bekomme ich einen guten Eindruck von der Gegend, in der ich mich gerade aufhalte und habe immer ein Stück Freizeit dabei, auf das ich mich auch nach anstrengenden Tagen meist freue. Wohler fühle ich mich hinterher natürlich auch.

Ich konnte auf diese Weise auch schon so manchen Arbeitskollegen zum Mitlaufen bewegen und zumindest zeitweise von der positiven Wirkung überzeugen.

Kürzlich bin ich sogar mal ein paar Runden ganz ohne Umziehen gelaufen. Ich war so müde und verspannt durch das Autofahren, dass ich einfach ein paar Raststätten-Runden gelaufen bin. Das hat wahrscheinlich so manchen Zuschauer dort zu einem Schmunzeln verleitet, mir aber hat es wirklich geholfen. Und kurz bevor ich von innen nass zu werden drohte, habe ich einfach wieder aufgehört.

Ich bin so wohl kaum mehr als einen Kilometer gelaufen, aber es offenbarte mir mal wieder die geringe Einstiegsschwelle des Laufens.

Sonstige Nebenwirkungen

Auch in Hinsicht auf unser Leben neben dem Sport muss das Laufen keine großen Nebenwirkungen haben. Ich schreibe hier bewusst, dass es die nicht haben muss, wohl wissend, dass es in der Realität oft anders aussieht. Müsste es aber nicht, denn was bräuchte man schon außer zwei Sätzen Laufklamotten und 90 Minuten Zeit am Tag?

Jedenfalls hat sich meine Radsportleidenschaft seinerzeit deutlich mehr ausgewirkt. Warum?

Nur ein paar kleine Beispiele: So ein Rad will gepflegt werden, und das erfordert eine kleine Werkstatt.  Und ein Rad bleibt selten allein, denn im Winter will man den Edelrenner ja nicht durch Salz vernichten oder auf schneeglatter Fahrbahn verunglücken. Radfahrerbeine wollen rasiert werden und Radflaschen ausgewaschen und so weiter und so fort. Meine Frau könnte da so einiges erzählen…

Vielleicht noch bedeutender (leider auch in finanzieller Hinsicht) fällt die Leidenschaft für das technische Gerät hinter dem Sport aus, was in meinem Fall vor allem anfangs ein echter Begeisterungsfaktor für den Radsport war. Die Kombination aus Sport und Technik, aus Mühe und Belohnung ist beim Radsport einmalig. In Kombination mit der Befriedigung aus dem sportlichen Wettkampf, die natürlich auch Läufer kennen, kann es einen da schon ordentlich packen.

So mancher Läufer mag von seiner Leidenschaft ähnliches zu berichten. Das findet dann zum Beispiel Ausdruck in Schuhregalen beachtlicher Größe und allerlei Gimmicks um das Laufen herum. Aber in vergleichbarer Ausprägung habe ich das unter Läufern noch nicht erlebt. Und ich habe schon für beide Sportarten lichterloh gebrannt, das könnt ihr mir glauben. Beschreiben lässt sich der Unterschied dennoch nur schwer.

Der kranke Läufer hat ein Problem

Wenn der Läufer allerdings mal nicht laufen kann, dann hat er schon ein Problem. Denn dann bleiben ihm fast nur noch Laufbücher und die verstärken den Schmerz eher als dass sie ihn mildern. Dann wird die Schlichtheit des Laufens mal zum Ärgernis.

Verletzt hat der Radfan nämlich echt einen Vorteil. Er kann die Auszeit kurzerhand im Werkstattkeller verbringen, sich tagelang der Pflege des geliebten Rades widmen oder sich wochenlang mit der beabsichtigten Anschaffung eines Neugerätes beschäftigen. Darüber hinaus ist auch das Film- und Literaturangebot einfach größer. Radsport ist aufwendiger als Laufen, und deshalb summa summarum auch spannender und vielseitiger.

Laufen ist zeitlos

Was mir am Laufen gerade momentan so gut gefällt, das ist seine Zeitlosigkeit.

„Gerade in Zeiten, in denen nichts für lange Zeit zu bleiben scheint, ist das Laufen für mich eine wertvolle Konstante.“

Im Grunde hat sich das Laufen in den letzten Jahrzehnten kaum verändert. Wir hatten zwar zwischendurch etwas mehr Dämpfung unter den Füssen (Fersen), aber selbst das hat sich wieder zurückentwickelt.

Ein Läufer von heute hätte nicht wirklich einen unüberbrückbaren Vorteil im Vergleich zu einem vor 50 Jahren.

Natürlich werden in der Spitze heute bessere Zeiten gelaufen, aber der Aufwand dafür ist eben nicht mehr zu vergleichen mit dem vor 50 Jahren. Im Radsport sähe das ganz anders aus und das nicht wegen der vermeintlich professionelleren medizinischen Substitution.

Mit einem Rennrad von vor 50 Jahren wäre man heute schlicht chancenlos.

Laufen ist einzigartig

Unterm Strich ist für mich das Laufen unschlagbar einfach und effizient. Ich kann es ganz einfach auch in einen stressigen Alltag integrieren und das tut mir so gut.

Bei aller Faszination für den Radsport könnte ich ihn heute nicht mehr mit dem gleichen Stellenwert betreiben wie das Laufen. Und obwohl es nicht die Absicht dieses Beitrags war, einen Vergleich zu ziehen, habe ich es wohl doch getan. Und ich bin froh, dass ich beiden Sportarten nachkommen kann und hoffe, dass das noch lange so bleibt.

Mein Fazit (ganz ohne Vergleich):

Das Laufen ist unsere natürliche Bewegungsform und wir brauchen eigentlich nichts um es auszuüben. Seine Zeitlosigkeit genieße ich gerade in diesen Tagen des Umbruchs, der Konflikte und einer sich unaufhaltsam ankündigenden neuen Wirtschaftsordnung sehr.

Im Unterschied zum heutigen Leben ist das Laufen so genial einfach. Oder?

12 Gedanken zu „Der Reiz des Einfachen“

  1. Hallo Sebastian
    wieder ein sehr treffender Beitrag von dir. Das mit dem „einfach laufen“ sehe ich genauso. Ich habe gerade die Wartezeit auf meinen Sohn (Musikschule) genutzt und bin ein paar Straßenblöcke auf und abgelaufen. Mir war einfach danach sich ein wenig zu bewegen auch wenn es in Alltagskleidung gewesen ist. Trekkingschuhe und Softshelljacke hatte ich eh an, und im langsamen Trab kommt auch fast kein Schweiß. Die U-Wäsche und Oberhemd werden sowieso morgen frisch angezogen☺
    Der Vergleich mit dem Radfahren ist einleuchtend und nachvollziehbar. Als absoluter Nichtradfahrer war es eine interessante Info, es scheint eine ganz eigene Welt zu sein …
    Jetzt kommt mein Sohn, bis dann mal
    Gruß Helmut

    1. Hallo Helmut,

      Genau das meinte ich. Mal eben flott um ein paar Häuserblöcke laufen, jede Treppe mitnehmen, die sich mitnehmen lässt, Wartezeiten mit Bewegung füllen.

      Interessant ist in diesem Zusammenhang übrigens auch, dass kleine Kinder nie gehen, wenn sie wohin wollen, sondern immer rennen. Was mein Kleiner am Tag so läuft, das summiert sich auch ganz schön, ganz ohne „bewusst“ Sport zu treiben. Das müsste man eigentlich nur beibehalten…

      Beste Grüße
      Sebastian

  2. Lieber Sebastian,

    langer Artikel, kurze Antwort: Ich kann das alles nur unterschreiben!

    Das man sich zum Laufen nicht die Beine rasieren muß, ist allerdings ein mir bislang gar nicht so bewußt gewesener Vorteil 😉

    Viele Grüße
    Volker

    1. Lieber Volker,

      Ich weiß, ich schweife manchmal aus 😉 … aber dafür schreibe ich ja nicht so oft. Und wenn ich mal drüber bin, dann lass ich der „Feder“ eben freien Lauf.

      Ja, dass sich mittlerweile auch Läufer und überhaupt jede Menge andere Sportler und Nicht-Sportler die Beine rasieren, habe ich auch schon gehört. Vor 20 Jahren war das noch anders, da war man als Radsportler diesbezüglich eine echte Ausnahmeerscheinung. Ich musste mir noch Kommentare anhören wie „das machen nur Eunuchen“ 😉 Mittlerweile genieße ich, dass ich mir diese lästige Arbeit sparen kann. Gefallen kann mir beides 🙂

      Beste Grüße
      Sebastian

      1. Hey Sebastian,

        ich wollte die Bemerkung über die Länge nicht als Kritik verstanden wissen. Sorry wenn das so rübergekommen ist!

        Ich finde rasierte Männerbeine etwas befremdlich, aber jedem nach seinem Gusto. Ich bin da tolerant 😉

        LG Volker

        1. Hallo Volker,

          Keine Sorge, habe ich nicht als Kritik aufgefasst. Ich bin einfach selbst erschrocken, dass ich schon wieder über 1000 Worte abgeliefert habe 😉

          Beste Grüße
          Sebastian

  3. Lieber Sebastian,

    wo darf ich unterschreiben
    warum laufe ich wohl jetzt schon im 38. Jahr
    warum kann ich nicht mehr ohne
    werde zappelig
    unzufrieden
    unausgeglichen ?

    Meine Antwort, die du ja schon kennst:
    Balsam für Körper, Geist und Seele
    oder anders ausgedrückt

    DAS LEBEN IST LAUFENSWERT

    wie gut, dass wir das für uns herausgefunden haben ! 😎

    1. Liebe Margitta,

      Ich nehme mir jetzt fest vor, demnächst mal was provokatives und gewagteres zu schreiben – immer diese Zustimmung 😉

      Wir Läufer haben einfach oft die gleichen Erfahrungen und nicht selten auch ähnliche Wertvorstellungen.

      Liebe Grüße
      Sebastian

  4. Lieber Sebastian,

    so einfach und elegant auch das Laufen von außen aussieht, so komplex ist der Bewegungsablauf. Ich behaupte, dass es während unserer Lebenszeit keine Maschine schaffen wird, mit geringerem Energieverbrauch ähnlich elegant und schnell auf zwei Füßen vorwärtszukommen.

    Und noch was: bei aller äußeren Einfachheit ist das Laufen bei mir in den 15 Jahren, die ich jetzt laufmäßig unterwegs bin, in jedem Jahr ein bißchen was anderes gewesen als im Jahr davor. Ein langer Weg: von der Not, fitter werden zu müssen, über die Wettkämpfe hin zur puren Lebensfreude; ich hätte so was nie erwartet, als ich anfing.

    Aber natürlich ist es auch der minimale Ausrüstungsbedarf, der mich ebenso wie dich fasziniert.

    Mal sehen, was noch alles kommt bei diesem seltsamen Sport!

    Liebe Grüße
    Wolfgang

    1. Lieber Wolfgang,

      Dass die Biomechanischen Prozesse unseres Körpers komplex sind, heißt zum Glück ja nicht, dass sie unser Bewusstsein in der Art fordern, in der man befürchten könnte. Aber ich gebe Dir natürlich Recht, dass man ewig am eigenen Laufstil rumexerzieren kann und dass das manchmal gar nicht einfach und leicht geht.

      Grundsätzlich ist Laufen aber sehr einfach. Mein fünfjähriger Sohn denkt null darüber nach und läuft auch stilistisch ganz hervorragend – vielleicht gerade deswegen 😉

      Beste Grüße
      Sebastian

  5. Lieber Sebastian, genau diese Einfachheit und die Möglichkeit jederzeit und überall einfach losrennen zu können, mit minimalster Ausrüstung, ohne Hilfsmittel, das hat mich wieder zum Laufen gebracht und vor allem dranbleiben lassen. Dass ich dann mal so darin aufgehe, hätte ich vor ein paar Jahren allerdings niemals gedacht. Aber wie auch immer sich das bei mir weiter entwickelt, eins ist geblieben: diese kleine Vorfreude einfach vor die Tür zu treten und ohne großen Schnickschnack sofort loszulaufen.
    Beste Grüße, Oliver

    1. Lieber Oliver,

      Das hast Du schön auf den Punkt gebracht. Das unterscheidet das Laufen von vielen anderen Sportarten. Du brauchst nichts und niemanden außer dir selbst. Und das tut gerade nach einem harten Tag in einer komplexen Welt einfach nur gut 🙂

      Beste Grüße
      Sebastian

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