Feuchtwarmes Paradoxon

Mühelos Laufen. Das muss ein Witz sein.

Die Luft wiegt schwer vom Parfum der üppig blühenden Sträucher und Büsche, das Insekten zum Schwärmen und Läufer zum Stöhnen bringt.

Wie durch einen zu engen Strohhalm sauge ich die feuchte und seltsam schwere Luft in meine Lungenflügel. Sei es, weil ich nicht gründlich genug ausgeatmet oder tief genug eingeatmet habe, meine Sauerstoffzufuhr fühlt sich einfach ungenügend an, und das schon beim Traben.

Seit Jahren sinniere, experimentiere und schreibe ich über die Leichtigkeit des Laufens. Doch das kommt mir gerade ziemlich paradox vor…

 

Laufen bei 30 Grad

Es ist Anfang Juni und die Außentemperatur bewegt sich schon auf hochsommerlichen Niveau. Nach der mittlerweile schon typischen Trockenheit des Frühjahrs, erfreuen den Läufer jetzt fast täglich Schauer und Gewitter. Zu meiner individuellen Freude ist die feuchte Luft zusätzlich angereichert mit Gräser- und Roggenpollen, die mein Immunsystem leider als schädlich erachtet, und entsprechend bekämpft.

Es ist also kein Zufall, dass es sich heute mit meinem Drang nach dem gewohnten Waldlauf ungefähr so verhält, wie mit dem nach einer ärztlichen Vorsorgeuntersuchung: Man weiß, es könnte einem gut tun, aber eben vielleicht auch nicht.

Laufgedanken an schwülen Tagen

Seit Jahren schreibe ich diesen Blog mit dem etwas hoch trabenden Titel Mühelos Laufen und kaum steigen Luftfeuchtigkeit und Temperatur etwas zu schnell an, komme ich mal wieder ins Grübeln, ob ich den Titel einst nicht etwas dreist gewählt habe.

Hier ging es immer mehr um die Suche nach der Leichtigkeit, als um das angekommen sein. Der geneigte und regelmäßige Leser weiß das, und mir ist auch nie anderes unterstellt worden. Trotzdem überkam mich zuletzt der ein oder andere Zweifel.

Manchmal wähnte ich mich tatsächlich auch schon nahe am Ziel. Unzählige Läufe durfte ich erleben, bei denen ich das Gefühl hatte, endlos so weiter laufen zu können. Ganz oft bin ich einfach losgelaufen, ohne jede Überwindung und Anlaufschwelle.

Viele Erkenntnisse schienen für mich zunächst geradezu bahnbrechend zu sein, relativierten sich dann und blieben dennoch ein wichtiger Baustein auf diesem langen, wenn nicht sogar endlosen, Weg.

So ein Lauf an einem schwülen Junitag vermag das nicht zu ändern.

In Bewegung bleiben

Ich bin nie ausschließlich gelaufen. Bewegung spricht mich in fast jeder Form an und tut mir auch immer gut. Aber nie habe ich das im selben Maße erlebt, wie bei und nach einem lockeren Lauf. Daran vermag auch meine zweite große Leidenschaft, das Rennradfahren (für das ich auch mehr Talent besitze), nichts zu ändern.

Ganz egal, ob der jeweilige Lauf mühelos oder beschwerlich war, ich habe mich nach dem Laufen immer besser gefühlt als vorher.

Insofern wäre ein Titel wie z.B. Mühelos Leben nach dem Laufen wahrscheinlich treffender gewesen, wenn auch fast noch dreister und ganz sicher noch hölzerner.

Sendungsbewusstsein oder Lust am Schreiben?

Ein Blog mit dem Titel Mühelos Laufen drückt schon irgendwie Sendungsbewusstsein aus und ich frage mich heute nicht zum ersten Mal, ob ich damit nicht eine Botschaft sende, die ich nie los werden wollte.

Nie wollte ich vorgeben, den Schlüssel zur Laufweisheit zu haben, oder mich auch nur besonders gut damit auszukennen.

Ich habe mich in den letzten Jahren einfach praktisch und theoretisch so viel mit dem Thema des leichten und lockeren Laufens beschäftigt, dass ich meine Erfahrungen irgendwie festhalten (ja, und auch teilen) wollte. Und dafür hat sich dieser Blog geradezu aufgedrängt.

Schreiben mit Lesern ist eben doch etwas anderes, als das Schreiben nur für sich selbst.

Während ich das schreibe, frage ich mich, ob ich mit dem Laufen vielleicht schon viel weiter bin als mit dem Schreiben. Einfach weil ich beim Laufen längst keine Wettkampfbedingungen, Zuschauer oder Mitstreiter mehr brauche.

Genau. Ein unpassender Vergleich.

Laufen tut dem Körper nämlich einfach gut. Folglich läuft man auch allein und ohne Wettkämpfe nie nur um des Laufens Willen, sondern immer auch für den eigenen körperlichen und mentalen Zustand.

Und das ist beim Schreiben – zumindest bei mir – und ich meine, das ist auch statistisch belegt, nicht so.

Allein diese Erkenntnis macht das Laufen für mich wieder müheloser und leichter – sogar an schwülen Junitagen.

Ob Mühelos Laufen jetzt ein Paradoxon darstellt oder nicht, es bleibt das große Ziel, um das meine Gedanken hier immer wieder kreisen. Und vielleicht bringt mich schon der heutige Lauf wieder ein kleines oder großes Stück weiter. Ganz sicher wird er mir gut tun.

An Tagen wie heute ist es schwer einen klaren Gedanken zu fassen, und trotzdem macht es mir gerade Spaß, diesen Blogbeitrag zu schreiben. Im Moment sogar mehr als das Laufen, um das sich meine Beiträge hier eigentlich drehen sollten.

2 thoughts on “Feuchtwarmes Paradoxon”

  1. Lieber Sebastian,
    erstmal freut es mich überhaupt etwas von Dir zu lesen und zum Zweiten kann ich Deine Gedanken sehr gut nachvollziehen, obwohl ich die Situation als nicht so erschwerend sehe.
    Jeder kennt dieses Gefühl und wie mir scheint, hast Du für Dich eine „philosophisch-analytische“ Lösung gefunden. Es kommen sicher wieder bessere Tage und machen dieses Sinnieren unnötig…also das wünsche ich Dir auf jeden Fall.

    Salut

    1. Lieber Christian,

      ich komme gerade von einem kurzen abendlichen Lauf zurück – und was soll ich sagen, es lief … wie befürchtet 😉 Neu ist das nicht für mich. Mein Körper kommt mit schwülwarmer Witterung nicht mehr so gut zu Recht, das ist schon länger so und wird mit zunehmendem Alter nicht besser.

      Sinnieren – ja, das trifft es! – lässt es sich deswegen dennoch vortrefflich. Das gehört mindestens genauso zu mir 🙂

      Beste Grüße
      Sebastian

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