In Bewegung bleiben

Die Welt ist im Umbruch. Und ich denke ans Laufen.

Ist das eine Art von Flucht, wie man immer wieder lesen kann? Ist das verwerflich? Oder ist das am Ende sogar gut?

Vielleicht spielt es aber auch schlicht keine Rolle, was ich derweil tue und denke. Ich versuche einfach in Bewegung zu bleiben. Und ich möchte meinen Gedanken heute einfach mal ihren Lauf lassen, auch wenn sie ein wenig vom mühelosen Laufen abschweifen.

In verschiedenen Welten unterwegs

Eine scheinbar endlose Flüchtlingswelle führt uns mittlerweile auch unabhängig von den täglichen Schreckensmeldungen in Nachrichtensendungen vor Augen, dass auch wir uns nicht einfach wegducken können. Dass auch wir ein Teil, wenn nicht sogar ein Auslöser eines weltweiten Umbruchs sind, der gerade Ausdruck in einer wahren Völkerwanderung findet.

Ich laufe an einer Gruppe offensichtlicher Flüchtlinge vorbei und weiß, dass unsere jeweiligen Gedanken – trotz der unmittelbaren Nähe zueinander – absolut nichts miteinander zu tun haben.

„Wir halten uns in völlig unterschiedlichen Welten auf, obwohl wir nur ein paar Meter voneinander entfernt sind.“

Auch wir spüren jetzt die Folgen der zunehmenden kriegerischen Auseinandersetzungen, aber auch der fortschreitenden Klimaerwärmung, der die Weltgemeinschaft so hilflos gegenüber steht.

Unsere Position ist – zugegeben – noch sehr komfortabel. So ähnlich müssen sich die Kolonisten in der dritten Welt einst vorgekommen sein. Nur dass das Mengenverhältnis umgekehrt war.

Wir starten derweil mit internationalen Handelsabkommen wie TTIP noch einmal den Turbo unseres kapitalistischen Motors, bevor er endgültig kollabiert, was früher oder später doch unausweichlich scheint. Einfach weitermachen, solange es noch irgendwie geht.

Ich bin dann mal weg. Zum Waldlauf.

„Das Laufen kommt mir trotz der beunruhigenden Entwicklungen einfach nicht falsch vor.“

Wie wenn ich mich dadurch auch vorbereiten würde darauf, dass nicht alles so bleibt wie es ist. Ich schreibe hier bewusst nicht: „so einfach bleibt“.

Denn zumindest unkompliziert war unser Leben zuletzt doch auch ohne Flüchtlingswellen und näher kommende Konflikte nicht. Wer kennt nicht einen Freund oder Arbeitskollegen mit Depressionen, Burn-Out-Syndrom oder einen, der zumindest voll gefangen ist, in der Tretmühle des immer mehr, immer wichtiger, und des nichts verpassen wollen?

Alles Probleme eines Lebens im Überfluss?

In Bewegung bleiben

Das Laufen bringt mich in kürzester Zeit zurück zu grundsätzlichen Bedürfnissen. Essen, Durst stillen und Ausruhen. Und manchmal auch Orientieren und nicht frieren müssen.

Das tut gut in diesen Zeiten, entzieht es einen doch zumindest kurzfristig dem gewohnten Überfluss.

Und für kurze Zeit drehen sich meine Gedanken damit auch um Bedürfnisse, wenn auch auf ganz niedrigem Niveau, die den Flüchtlingen ganz alltäglich sind. Sie befinden sich im Unterschied zu mir ganz real auf einer Durchschlageübung, nur dass es keine Übung ist.

Ist das nicht grotesk? Ich suche aus meiner Komfortposition heraus die Auseinandersetzung mit den Elementen, während andere ganz real und ganz nah für ein bisschen Geborgenheit kämpfen, die für mich ganz alltäglich ist.

Aber wie schnell sich die Bedürfnisse verschieben, das weiß jeder Langstrecken-Läufer. Denn so schnell, wie für mich ein Stück Schokolade bei einer ausgedehnten Runde zum Königreich werden kann, so schnell erfreut sich offenbar mancher, der hier vor ein paar Wochen oder Monaten als Flüchtling ankam, selbst wieder an der begrenzten Auseinandersetzung mit den Elementen. Denn mittlerweile habe ich sogar schon einen der neuen Mitbürger beim Waldlauf getroffen.

Der Mensch ist wirklich ein Anpassungswunder, und das stimmt mich zuversichtlich. Auch ich werde, wenn es notwendig wird, mit viel weniger zurechtkommen.

Und wenn wir alle rechtzeitig damit anfangen, dann wird unsere Anpassungsfähigkeit vielleicht auch nicht so stark gefordert sein, wie man das derzeit befürchten kann.

„Ich laufe derweil. Damit bleibe ich in Bewegung. Das kann kein Fehler sein.“

6 Gedanken zu „In Bewegung bleiben“

  1. Danke für den Artikel. Das sind wirklich die Themen dieser Tage …
    Und ich meine … Wie könnte Laufen falsch sein.
    Seit jeher bringen Jene am ehesten den Frieden in die Welt, die meditieren oder beten.
    Ein wacher und ausgeruhter Geist bringt mehr positive Wandlung in diese Welt, als panische Angst.
    Und Laufen kann zu so einem wachen und ausgeruhten Geist verhelfen.

    1. Hallo Hans,

      Danke für den Zuspruch. Ich habe nämlich schon etwas gezögert, meinen Gedanken hier so freien Lauf zu lassen.

      Und Du hast Recht mit dem ausgeruhten Geist – den können wir jetzt umso mehr brauchen. Und das Laufen ist ein probates Mittel auf dem Weg dorthin.

      Beste Grüße
      Sebastian

  2. Lieber Sebastian,

    wie gut, dass uns das Laufen zum Nachdenken (zwingt) bringt, wir haben genügend Zeit, nicht nur unserem Körper, sondern auch unseren Geist, die Seele zu lüften, insbesondere, wenn man beim Laufen nicht mit zu erreichenden Zeiten, Siegen, Treppchen, weiter, höher, schneller beschäftigt ist.

    Manchmal habe ich das Gefühl, der Kopf und auch das ♥ platzen wegen der Fülle und auch Vielfalt der schlechten Dinge, mit denen wir täglich konfrontiert werden, und da ist das Laufen DIE Medizin schlechthin, um im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Boden zu bleiben, dankbar zu erkennen, was man selbst hat und danach zu leben, auch davon abzugeben.

    Nachdenkliche, stürmische Grüße 😎

  3. Unser oft unreflektierter Konsum ist es, der unseren Planeten in eine Müllhalde verwandelt, die unter einem Massensterben von bis zu 130 Tier- und Pflanzenarten TÄGLICH leidet und kurz vor einem nicht mehr zu stoppenden, sich nach dem Auftauen des Permafrostbodens selbst verstärkenden Klimawandel steht. Wie soll man mit dieser Erkenntnis noch ein zufriedenes Leben führen können?
    Beim Laufen können wir zwar wunderbar abschalten, neue Energie tanken und sich eins mit der Natur fühlen, aber am Zustand des Planeten ändert sich nichts, oder? Vielleicht aber doch: wir können unsere Zufriedenheit ganz erheblich steigern und brauchen daher nicht dauernd neues Zeug zu kaufen, um glücklich zu sein. Wir werden widerstandsfähiger gegenüber Komfort-Einschränkungen. Wir sind wacher und bewusster und kommen so in die Lage, uns reflektierter zu entscheiden: für weniger Fleisch und Flugreisen, für mehr regionale und biologisch nachhaltig erzeugte Produkte, für die richtigen NGOs, die auch dann Druck machen, wenn alle Parteien aus Angst vor Wählerstimmenverlust sich nicht trauen, umfassende und gute Entscheidungen zugunsten von Flüchtlingen, Klimaschutz und einer gerechteren Verteilung der Güter treffen. Und vor allem: wir sollten unser Umfeld mitnehmen. Über Blogs wie deinen und persönliche Ansprache.
    Das alles muss uns aber nicht überfordern, wenn wir uns einfach nur öfters mal die Frage unserer Enkelgeneration stellen: was hast du damals getan? So wie wir unsere Vorfahren zu Recht fragen dürfen, warum sie bei den Nazis stillgehalten oder mitgemacht haben.

    1. Hallo Wolfgang,

      Danke für deinen Kommentar und willkommen auf meinem Blog. Du hast mir mit dem deinigen (www.haasky.de) auch schon einen Floh ins Ohr gesetzt für das kommende Frühjahr – ich muss mal wieder ganz ohne Schuhe laufen 🙂

      Deinen obigen Appell möchte ich so stehen lassen, wir sind uns in weiten Teilen einig. Ich arbeite jedoch zunehmend daran, meine Zufriedenheit nicht abhängig zu machen von Dingen, die ich nicht verändern kann. Wo ich kann, versuche ich mich aber einzubringen, und sei es nur durch ein paar Zeilen. Und natürlich könnte man so viel mehr tun.

      Beste Grüße
      Sebastian

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