Läufer, verpasse das Leben nicht!

„Läufer, verpasse das Leben nicht, indem Du darüber nachdenkst, ob Du es verpasst.“

Der Jahreswechsel ist die passende Zeit über erfüllte und verpasste Träume nachzudenken. Jetzt werden neue Pläne geschmiedet, und natürlich soll dieses Jahr alles besser werden. Die Pläne des Vorjahres sind jetzt Schnee von gestern.

Für uns Läufer gab es noch nie so viele Anregungen für große Pläne und Träume wie heute. Dafür sorgt ein unerschöpfliches Angebot vom einfachen Stadtmarathon bis hin zum mehrtägigen Selbstversorger-Trail-Spektakel durch die Berge dieser wunderbaren Welt.

Doch Vorsicht! So schön die großen Ziele – so groß die Gefahr, das Wesentliche auf dem Weg dorthin zu verpassen…

 

Du lebst jetzt. In diesem Moment.

„Ich will kein Plädoyer gegen das Träumen halten, oder gegen das Schmieden großer Pläne. Nein, dafür bin ich selbst viel zu sehr davon gefangen.“

Und ich weiß nur zu gut, dass ein großes Erlebnis auch eine lange Vorbereitungs- und Planungszeit benötigt.

Dennoch wird mir gerade zuletzt immer mehr bewusst, dass ich mir durch die immer wiederkehrende Fokussierung auf sportliche Ziele, oft auch schon Lebensqualität genommen habe. Und ich meine damit keineswegs das Resultat des Verzichts auf leckeres Essen, und Alkohol, oder die Pein nach harten Trainingseinheiten.

Nein, ich meine damit die schönen Erlebnisse des Alltags, die ich als selbstverständlich angenommen habe, und die ich durch die starke Fokussierung auf sportliche Ziele und Träume oftmals nicht ausreichend wahrgenommen und gewürdigt habe.

Was habe ich schon mit meinem Körper gehadert, wenn er nicht so wollte wie ich?

Wie oft habe ich unter ganz normalen beruflichen und familiären Verpflichtungen gelitten, nur weil ich nicht mehr im gewünschten Maße zum Laufen oder Radfahren kam?

Doch wie sehr hätten mich diese so wichtigen Träume noch interessiert, wenn ich richtig krank geworden wäre? Oder meine berufliche Befähigung verloren hätte?

Wie oft denken wir, dass wir unser Leben verpassen?

Susanne Schneider schrieb kürzlich in ihrem wirklich tollen Beitrag „Wie ich mein Leben verpasse“ im Magazin der Süddeutschen Zeitung (Heft 44/2015):

Schreien möchte man in den Nachthimmel: „Ich bin so wild auf Leben! Morgen fange ich damit an.“

Diesen Satz finde ich so klasse und frustrierend zugleich.

Letztlich lässt sich aus meiner Sicht der ganze Beitrag von Susanne Schneider so zusammenfassen, toll und frustrierend. Und unbedingt lesenswert…

Aber wo liegt jetzt das Problem mit den sportlichen Träumen?

Wenn ich mich in der Welt der Lauf- und Sportblogs umsehe, dann meine ich wahrzunehmen, dass gerade wir Läufer ständig fürchten, irgendetwas – oder gar das ganze Leben, die eigene Bestimmung – zu verpassen.

Oder nehme ich das nur so ausgeprägt war, da es ein Teil meiner selbst ist, oder gewesen ist? Sind es nicht überwiegend Männer in den Vierzigern, die solche Gedanken bewegen?

Doch halt! Das gilt nicht nur für Läufer. Während wir Läufer in der Midlifecrisis von weit entfernten Traumläufen fasziniert sind, lassen sich andere plötzlich den ganzen Körper tätowieren, und werden Mitte vierzig wieder Teil des pulsierenden Nachtlebens. Gelegentlich soll sogar beides zusammen vorkommen.

Klar. Wir – also Läufer, männlich, in den Vierzigern – sind in der Regel familiär und beruflich fest eingebunden und stoßen fast jeden Tag an unsere zeitlichen und manchmal auch nervlichen Grenzen, wenn es darum geht, das tägliche Laufpensum irgendwie unterzubringen. Und wenn es dann mal nicht geklappt hat, dann wird einfach die Umgebung mit schlechter Laune bestraft.

„Dann fühlen wir uns in der Falle, dass das immer so weitergehen wird und dass wir das eigentlich nie wollten.“

Bin ich wirklich so egoistisch?

Ja und nein.

Ja, denn es geht mir in der Tat hin und wieder so.

Nein, denn ohne eine gewisse Hartnäckigkeit und eben auch hochtrabende Träume ließe sich ein Laufpensum, das das Laufen erst zum Vergnügen macht, wohl gar nicht absolvieren. Und ohne Sport bin ich auch irgendwie nicht ich selbst. Er ist eben ein teil von mir.

Schwarz oder weiß – so einfach ist das nicht.

Schwarz im Lauf-träumerischen Sinne wäre nämlich der brave Familienvater (ich kann leider nur die männliche Seite gut schildern), der sich rührend immer zuerst um die Kinder kümmert und stets seinen Teil zum ordentlichen Haushalt beiträgt. Eine Familienunternehmung klugerweise dem Lauftraining vorzieht und nebenbei seinen Mann im Beruf steht. Er hätte dann vielleicht ein paar Pfund zu viel auf den Rippen, aber …

Weiß im Lauf-träumerischen Sinne hingegen wäre der aus dem Mainstream ausgebrochene Mann, der seinen Beruf aufgegeben hat, und mit einem Halbtagsjob klar kommt. Der mehrmals im Jahr seine Träume durch Teilnahmen an weltweiten Ultraläufen lebt. Der dabei noch Spenden sammelt und den Freundeskreis hinterher mit tollen Vorträgen oder Veröffentlichungen zu eigenen Träumen anregt.

Irgendetwas müsste dafür dann aber auf der Strecke bleiben. Oder wie es Susanne Schneider sinngemäß so treffend beschreibt,

diese so bewunderten Ausbrecher hinterlassen in der Regel Opfer, und die meist unter denen, die ihnen am nächsten stehen.

Die Welt ist nicht schwarz oder weiß.

Wenn ich mir einer Sache mittlerweile sicher bin, dann der, dass man mit Schwarz/Weiß-Ansichten in unserer komplexen Welt nicht wirklich weit kommt. Ich halte sie sogar für grundfalsch, aber das ist ein anderes Thema…

Der Königsweg muss also irgendwo in der Mitte liegen, das ist klar. Träume und große Pläne sind gut, aber nur solange sie das Leben nicht bestimmen.

Ausnahme:

„Wenn Du zu denen gehören willst, deren autobiographische Bücher wir lesen, die andere selbst zum Träumen anleiten, oder wenn Du selbst einfach etwas Einzigartiges leisten willst, dann…“

…dann reicht der Weg der Mitte natürlich nicht. Dann musst Du deinem Drang wohl bedingungslos folgen.

Aber Hand aufs Herz. Bist Du wirklich einer davon?

Ich bin es nicht. Das ist mir klar und war es eigentlich immer. Ich höre deswegen nicht auf zu träumen, nein – gewiss nicht. Aber ich hinterfrage meine Träume zunehmend auf ihre wirkliche Bedeutung für mein Leben. Und bisher ist danach meist nicht viel geblieben.

„Die Essenz jedoch, die Freude und der Spaß an der Bewegung in der Natur, die lebe ich weiterhin ganz nebenbei aus. Denn das geht auch mit einem lockeren Waldlauf. Und ich freue mich schon auf den nächsten.“

Ziele für das gerade angebrochene Jahr habe ich natürlich trotzdem. Nur sind es dieses Jahr rein qualitative:

  • Ich will wieder mehr an meiner Achtsamkeit arbeiten.
  • Ich will so viel barfuß unterwegs sein wie möglich.
  • Und ich will damit auf meinem Weg zum mühelosen Lauf noch ein wenig weiter kommen.
  • Außerdem will ich mich noch mehr an meinen ganz alltäglichen Läufen und dem Leben außerhalb erfreuen und dabei niemals vergessen, wie gut es mir geht.

Und mein Plädoyer an Euch?

Bitte nicht beeinflussen lassen!

„Bitte träumt möglichst weiterhin größer, weiter, abenteuerlicher und besser als ich, denn das ist, was ich selbst lesen möchte!“

Ich werde in Gedanken immer dabei sein!

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen ein gesundes und erfülltes Jahr 2016!

10 Gedanken zu „Läufer, verpasse das Leben nicht!“

  1. Lieber Sebastian,
    interessanter Artikel und auch Deine Gedanken hierzu sind interessant….allerdings sehe ich mein Läuferleben, was neben der Familie mein Hauptinteresse darstellt, eher als einen fortwährenden Lernprozess. Die Angst etwas zu verpassen habe ich schon vor Jahren abgelegt bzw. musste es lernen. Nein, für mich gilt Laufen um des Laufens willen. Ein bestimmtes Ziel gibt es für mich nicht, Träume habe ich, aber sie bleiben Träume, denn aufgrund meiner Abneigung gegenüber Menschenmassen – und dazu zählen schon Veranstaltungen ab 100 Teilnehmer – machen es mir nicht möglich, diese zu verwirklichen.
    Dafür habe ich viele Projekte, die in den letzten Jahren eine gewisse Form angenommen haben und auf Abruf in der Schublade bzw. auf der Festplatte liegen. Wenn der richtige Zeitpunkt kommt, werden sie umgesetzt und wenn es nicht sein soll? So what? Ich werde deshalb nicht weniger glücklich sein in meinem Mikrokosmos.
    Das Laufen in den Alltag zu integrieren zwischen 13 Stunden Arbeit und Familie geht nur mit einem gewissen Rückhalt in der Familie und natürlich gehört ein gewisses Maß an Egoismus dazu, aber das Glück was ich beim Laufen finde kommt im Gegenzug wieder der Umgebung bzw. Familie zugute.

    Ich wünsche Dir ein gutes neues Jahr

    Salut

    1. Lieber Christian,

      Ja, da bist Du sicher schon etwas weiter als ich. Tief in mir steckt immer noch ein Rest des Wettkampftyps, der ich ja auch eher gezwungenermaßen nicht bleiben konnte. Ich bin von den Vorzügen des Genusslaufens zwar längst überzeugt, aber wie gesagt…

      Und dass es der Familie auch zu Gute kommt, wenn wir laufen, das ist kaum bestreitbar. Wie oft ist der Tag nach dem Laufen einfach besser als vorher und das strahlen wir dann auch aus.

      Projekte abseits der Wettkämpfe habe ich auch unzählige im Sinn. Mein bisher längster Lauf war ein solches.

      Auch Dir ein gutes und vor allem gesundes neues Jahr – gut gestartet bist Du ja schon!

      Gruß Sebastian

  2. Ach, lieber Sebastian, nur ein Teil dessen, was du zu Papier bringst, erinnert mich ein wenig an vergangene Zeiten. Mittlerweile bin ich in einem – wie man so schön sagt – reifen Alter angekommen, in dem ich das, was dich in deinen ( männlichen ) Mitvierzigern bewegt, bereits mehr oder weniger erfolgreich hinter mich gebracht habe.

    Älter werden hat den Vorteil, dass man wirklich das Leben in eine andere Perspektive rückt, wenn man es schätzt, vor allem erkennt, weil es einem – zumindest mir – jetzt noch besser geht denn je. Dabei war und ist der Sport – in der Hauptsache natürlich das Laufen – immer ein wesentlicher Bestandteil meines Lebens.

    Stimme dir voll zu, dass wir das, was wir uns egoistisch zugestehen, an Zeit dafür nehmen, der Familie und unserer Umgebung zugute kommt, weil wir ausgeglichen und fit und damit natürlich liebenswert sind !! 😉

    In diesem Sinne – konntest du heute laufen oder war nochmals Pause angesagt ?

    1. Liebe Margitta,

      Das glaube ich Dir – ich habe ja bewusst ein wenig die männliche Midlifecrisis-Perspektive eingenommen. Der zitierte Artikel hingegen, ist aus der weiblichen geschrieben, nur nicht aufs Laufen bezogen.

      Wenn ich länger nicht laufen war, was selten passiert, dann schickt mich meine Frau auf die Strecke. Ich denke, das sagt alles 😉

      Heute habe ich ein vorsichtiges 7km-Läufchen gewagt und es ging mir hinterher gleich besser. Hoffe, das hält an.

      Beste Grüße
      Sebastian

  3. Hi Sebastian,

    sicher hast du dir das nicht für 2016 vorgenommen, aber wenn du Lust hättest, könnten wir mal zu zweit ein paar Kilometer gemütlich barfuß durch die Gegend rennen. Durch deine Gegend natürlich. Ab und an komme ich mal vom Job her nach München, und von dort ist es doch sicher nicht weit zu dir, oder?
    Natürlich nur, wenn es dir nicht peinlich ist, mit einem leicht verrückten Mummelgreis (Mitte 50) gesehen zu werden.

    Liebe Grüße
    Wolfgang

    1. Hallo Wolfgang,

      Das gehört jetzt natürlich zu dem, was ich mir vornehme. Bei Dir oder mir – wo es eher klappt. Auch ich bin viel unterwegs und der Großraum FFM ist da auch dabei.

      Lass uns einfach mailen, wenn es soweit ist. Nur bremsen wirst Du dich ein wenig müssen, denn alles was schneller als 6 Min/km ist, kann ich zwar noch bis zu einem gewissen Grad – soll und möchte ich aber nicht mehr 😉

      Aber Du wirst Deine Luft sowieso für Antworten auf meine Barfußlauftechnikfragen brauchen 😉

      Auf ein gesundes und lehrreiches neues Jahr!
      Sebastian

  4. Willkommen in 2016! Ich hoffe Du bist gut rüber gekommen. 🙂

    Es ist – und da bin ich mir immer mehr klar – dass es für alles seine Zeit gibt … Und jeder ist anders.
    Der eine kann Jahre lang auf ein Thema fokussiert sein und bringt es zur Meisterschaft. Der Andere schnuppert gerne Neues an und hat überall ein mehr oder weniger gefährliches Halbwissen.
    Ich gehör wahrscheinlich zu der 2. Gruppe und kann mich gut auf ein Ziel festlegen und darin verbeißen. Dann fällt hinten auch einiges runter. Ist es dann erreicht, kann ich mich auch ganz einem anderen Thema widmen oder mich eine Zeit lang treiben lassen.

    Das einzig Dauerhafte ist aber schon die Laufbewegung. Meine Pause, die ich für das Laufen nutze. Meine Laufpause :-).

    Und selbst der Teil erfährt Variationen – von Trainingsplan bis zu Genusslaufmonaten.

    Ich glaube, solange man sich gut fühlt mit der Verfolgung eines Ziels, solange spielt auch das Umfeld gut mit weil man einem, der eine gute Stimmung verbreitet alle Unterstützung gibt.
    Fehlt es an der, dann ist es ein Zeichen, dass man ein wenig verbissen ist und dann ist es denke ich eine gute Idee sich klar zu werden ob man ein Ziel verfolgt oder ob einen das Ziel verfolgt.

    Soviel als Braindump 🙂
    Viele Grüße,
    Hans

    1. Hallo Hans,

      Ja, ich bin ganz ordentlich rübergekommen 😉

      Nach dem vierten Kommentar in eine anders als gedachte Richtung bin ich mir jetzt sicher, dass ich leider nicht das ausgedrückt habe, was ich wollte 😉 … Zumindest im Kern nicht. Wahrscheinlich habe zu sehr auf den externen Beitrag gesetzt. Aber egal. Ich gehe das Thema zu gegebener Zeit sicher automatisch nochmal an.

      Das mit der Laufbewegung als Deiner Konstanten halte ich für absolut richtig. Und Vielseitigkeit ist gerade für einen laufenden Blogger sicher publikumswirksamer als die totale Fokussierung.

      Ich kann Blogs aus beiden Bereichen etwas abgewinnen. Und mancher schafft es sogar beides zu verbinden.

      Beste Grüße
      Sebastian

  5. Lieber Sebastian,

    Ich komme leider erst mit einiger Verspätung dazu, diesen Beitrag zu lesen. Da ich kurz vor dem 40. Geburtstag meinen Blog mit dem damaligen Titel Midlifecrisis ins Leben gerufen habe, bin ich zu einem Kommentar an dieser Stelle verpflichtet. 😉

    Dieses Gefühl der Suche nach der Erfüllung des Lebens kennt jeder Mann in diesem Alter. Da stimme ich Dir zu. Das regelmäßige Laufen bringt durchaus Erfüllung und Ausgleich. So ist aus midlifecrisis dann nach einigen Jahren midLAUFcrisis geworden, was mir als Wortspiel nach wie vor gut gefällt, weil es beide Aspekte so gut vereint.

    Auch bei mir ist es die Mischung, die ich nicht missen möchte. Nur Laufen ist keine Option, zum Glück gilt das auch für den Beruf, dem früher neben der Familie alle Energie gewidmet war. Heute ist es die Mischung aus allen drei Aspekten, ähnlich, wie es Christian beschreibt. Allerdings unterscheidet uns, dass ich auch Läufe mit mehr als 100 Teilnehmern sehr genießen kann.

    Und das verbleiben in den Normen der Gesellschaft bedeutet schließlich nicht, sich realistische Ziel zu setzen.

    Dir nachträglich ein sehr gutes neues Jahr. Ich werde versuchen, wieder regelmäßig auch in Deinen Blog zu schauen. Auch wenn ich mir dafür mehr Zeit nehmen muss. 😉

    Liebe Grüße
    Rainer 😎

  6. Lieber Rainer,

    Toll, dass Du den Beitrag noch entdeckt hast!

    Irgendwo habe ich darin das Wort Midlifecrisis verwendet und hatte – glaube es oder nicht – wirklich zuerst Midlaufcrisis geschrieben. Das Wortspiel deines Blogs hat mir gleich gefallen und sich irgendwie eingeprägt. Schön, dass ich jetzt auch die Geschichte dazu kenne.

    Mit der Mischung hast Du absolut recht, auch ich gehe immer mehr in der Work-Life-Lauf-Balance auf 😉 um bei den Wortspielen zu bleiben…

    Und Ja, nimm Dir bitte hin und wieder die Zeit, auch wenn meine Beiträge zugegeben lang sind 😉 … Dafür schreibe ich ja nicht so oft. Ich würde wirklich ungern auf Dich als Leser und gelegentlichen Kommentator verzichten.

    Beste Grüße
    Sebastian

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