Die Laufzeit – dein Arbeitszeugnis

Die Laufzeit als Signatur

Wir Läufer haben vordergründig eine einfache Gesellschaftsordnung, fast jeder von uns trägt seine Qualifikation „schwarz auf weiß“ mit sich herum.

In Laufforen schreiben nicht wenige ihre Laufbestzeiten auf den klassischen Distanzen gleich in die eigene Signatur.

Damit soll man dann wohl gleich wissen, wie ernst man einen Beitrag nehmen muss. In der Art: Schnelle Zeiten = hat Ahnung; oder so ähnlich.

Jeder Laufsportverein führt eine eigene Bestenliste und Unterhaltungen über einen absolvierten Marathon sind ohne die unmittelbare Frage nach der erreichten Zeit kaum denkbar.

Ich habe das erst kürzlich wieder selbst erlebt.

Die Marathonbestzeit als berufliches Gesprächsthema

Mein Beruf hat absolut nichts mit dem Laufen zu tun. Und dennoch, selbst dort bin ich schon mit meiner Marathonbestzeit konfrontiert worden.

Bei einer mehrtägigen Dienstreise, bei der ich wie immer auch den ein oder anderen Feierabendlauf beabsichtigte, wollte ich nicht mit zwei Uhren mitnehmen und trug auch im Kundenmeeting trotz Anzug meine knallrote Polaruhr – nicht gerade schick und schon gar nicht unauffällig.

Mein Gegenüber, der Geschäftsführer eines wichtigen Kunden, den ich unbedingt gewinnen wollte, sprach mich darauf an und die ersten zwanzig Minuten drehten sich ums Laufen statt um Verträge. Der Abschluss war dann ähnlich erfreulich.

In diesem Fall hat es mir sicher nicht geschadet, dass ich nur eine 3:36 bin, d.h. eine Marathonbestzeit von 3 Stunden und 36 Minuten habe. Ich hätte mich natürlich lieber mit einer 2:59 geschmückt. Aber Geschäftspartner hat man lieber auf Augenhöhe, oder besser noch darunter, und so ging es wohl auch meinem Gegenüber.

Was sagt unsere Laufzeit wirklich über uns aus?

Kennt sich jemand, der einen Marathon unter drei Stunden läuft, besser mit dem Laufen aus als jemand, der da erst die 30km-Marke passiert?

Nein, einen solchen Zusammenhang herzustellen, wäre natürlich töricht.

Und trotzdem wird er zumindest unterschwellig hergestellt, was natürlich ungerecht ist. Wenn dir genetisch nur eine maximale Sauerstoffaufnahmefähigkeit von 50 vergönnt ist, dann wirst du einen Konkurrenten, der eine 80 vorweisen kann, immer nur von hinten sehen, egal wie intelligent und umfangreich dein Training auch sein mag.

Im Grunde ist das bei anderen Sportarten aber nicht anders und auch im übrigen Leben hängt viel an den individuellen Begabungen.

Beim Laufen dreht sich das Universum einfach besonders stark um Zahlen. Hier sind Leistungen leicht vergleichbar und transparent.

„Man könnte sich seine Bestzeiten im Grunde auf die Stirn tätowieren.“

Laufen jenseits von Bestzeiten

Doch natürlich gibt es auch beim Laufen noch einen anderen Trend. Keine einzelne klar definierbare Strömung, sondern viele parallele Strömungen, die Facetten des Laufens fördern, die mit fest definierten Distanzen und dazugehörigen Bestzeiten nicht so einfach vereinbar sind.

Landschaftsmarathons mit Bestzeit-untauglichen Höhenprofilen erfreuen sich seit Jahren steigender Beliebtheit. Und Trail-Runs über Distanzen und Topographien, die die Natur vorgibt und nicht das olympische Komitee, boomen geradezu.

Hinzu kommt, dass Laufen zunehmend nicht mehr nur als Wettkampf betrachtet wird, sondern für viele zum Selbstzweck geworden ist, ein Ausdruck einer aktiven, naturverbundenen und gesunden Lebensweise.

Und trotzdem werden Laufzeiten gerade in den ersten Jahren der Laufkarriere immer eine bedeutende Rolle spielen, und das sogar zu Recht.

„An der Laufzeit kann man den eigenen Fortschritt ablesen, sie motiviert, und sie gibt uns ein Trainingsziel.“

Die Entwicklung und der Vergleich der eigenen Laufzeiten helfen uns, uns selbst weiterzuentwickeln.

Der Vergleich mit anderen kann zwar zusätzlich Motivation geben, sollte aus meiner Sicht jedoch vor allem bei Leistungssportlern in Vordergrund stehen.

Bei Hobbysportlern treibt die Jagd nach Bestzeiten nämlich zum Teil kuriose Blüten.

Wie sonst kann man sich Freizeitsportler erklären, die bei Marathonläufen abkürzen, und gelegentlich sogar auf Verkehrsmittel umsteigen?

Wie sonst wäre die angeblich weit verbreitete Einnahme von Schmerzmitteln oder leistungssteigernden Medikamenten vor Marathonläufen zu erklären?

„Nicht jeder hält dem Druck des Vergleichs und dem Urteil anderer stand.“

Aber es geht auch anders. Denn auch das Laufen jenseits von Bestzeiten – das Genusslaufen – boomt.

Als Neuling unter den laufenden Bloggern habe ich zuletzt viele Laufblogs besucht, und gerade unter den schreibenden Läufern habe ich auffallend viele gefunden, die den Genuss des Laufens schon während des Laufs in den Vordergrund stellen.

Anmerkung: Natürlich kann man auch eine quälende Einheit genießen – aber eher hinterher. Das meine ich mit Genusslauf an dieser Stelle nicht.

Mir ist aber auch aufgefallen, dass momentan sehr viele laufende Blogger über ihre Laufverletzungen berichten oder läuferisch sogar komplett außer Gefecht gesetzt sind.

Ist Laufen am Ende doch nicht so gesund?

Oder können sich auch bekennende Genussläufer noch zu wenig dem Streben nach besseren Zeiten und längeren Distanzen entziehen?

Ich bin mir sicher, letzteres ist der Fall.

Erwähnte ich schon, dass ich dieses Jahr schrecklich gerne mal einen 100km-Lauf angehen würde?

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