Marie läuft

Ein kühler Wind vom offenen Bahnsteigende lässt Marie frösteln. Ihr Blick folgt dem Gleis in die Ferne, wo es sich im Morgendunst des frühen Junitages in einem Gewirr aus Schienen und Weichen verliert. Wie immer spürt sie dabei einen Anflug von Fernweh und Abenteuer.

Marie hat sich für ein dunkelblaues Kostüm entschieden, elegant aber unauffällig. Ihr leicht gewelltes rotbraunes Haar trägt sie hochgesteckt. Ihre linke Hand ruht auf dem ausgezogenen Griff des Rollkoffers, in der Rechten hält sie wie die meisten Wartenden an diesem Morgen einen noch dampfenden Becher mit Kaffee.

Sie steht etwas Abseits, unterscheidet sich sonst jedoch kaum von den anderen so früh am Münchner Hauptbahnhof, wenn Dienstreisende das Bild auf Bahnsteig 23 bestimmen. Ein ICE schwenkt in der Ferne auf ihr Gleis ein.

Sie denkt an ihren Vater und ein kaum sichtbares Lächeln umspielt ihre ungeschminkten Lippen. Er hat ihr schon früh die Abenteuerromane Jack Londons vorgelesen. Wahrscheinlich verbindet sie den Blick auf die Gleise mit diesen frühen Ausflügen in eine ferne, ihr damals noch so fremde Welt.

 

Der Zug fährt ein und es kommt Bewegung auf den Bahnsteig. Die Bremsen quietschen, die Wartenden nähern sich wie ferngesteuert dem noch nicht stehenden Zug. Über den Bahnsteiglautsprecher plärren abgehackte Informationen, deren Inhalt Marie keine Aufmerksamkeit schenkt. Sie steht jetzt fast unbewegt da, ihr Blick in eine scheinbar andere Welt entrückt.

Wie automatisch nippt sie am warmen Kaffee und hängt ihren Gedanken nach. Die große Freiheit ihrer Kindheit. Irgendwo auf dem Weg zum geregelten Familienleben und einem sicheren Platz in der Gesellschaft muss sie verloren gegangen sein.

Die Minuten vergehen. Der Bahnsteig wird ruhiger. Ein Mann mit Rollkoffer und Laptoptasche hetzt noch den Zug entlang und verschwindet kurz später im ersten Wagen. Eine Durchsage, dann ein Pfiff. Die Türen schließen sich automatisch und der Schnellzug fährt an. Marie nimmt abwesend noch einen Schluck von ihrem Kaffee, der jetzt lauwarm ist, und sieht dem Zug, in dem sie sitzen sollte, noch eine Weile nach, bis er schließlich aus ihrem Blickfeld verschwindet.

Recht unvermittelt kommt Marie ins Jetzt zurück. Sie spürt dieses sich langsam von unten nach oben in der Magengrube einnistende Unwohlsein, das sie zuletzt so gerne überfallen hat. Sie schließt die Augen, atmet hörbar aus und denkt nach.

Sie ist einfach nicht eingestiegen. Und es liegt nicht an der Antriebslosigkeit, die sich ihrer immer öfter bemächtigt. Nein, irgendetwas starkes hat sie zurückgehalten. Nichts, das ein Resultat von Schwäche und Unentschlossenheit wäre.

Sie angelt ihr Smartphone aus der Handtasche und prüft wie automatisch die nächsten Verbindungen nach Wiesbaden. Sie wird ihr Eröffnungsmeeting zur Strategiewoche nicht pünktlich erreichen. Sie wird es überhaupt nicht erreichen.

Sie will das Meeting gar nicht erreichen.

Unerwartet wird ihr klar, dass gerade etwas in ihr Oberwasser gewonnen hat, das sie lange unterdrückt hat.

Sie steckt das Mobiltelefon ein, dreht sich in Richtung Ladenzeile und setzt sich zögernd, weil noch ziellos, in Bewegung. Sie sollte einfach direkt loslaufen. Koffer ins Schließfach, alles Nötige einkaufen, im Laden Kleider wechseln und sofort los. Sie könnte der Isar folgen. Laufen, einfach nur laufen. Alles Weitere könnte sie telefonisch von unterwegs aus regeln.

Nein. Sie will nichts regeln, einfach nur laufen. Sie muss sich freilaufen.

Nur vier Stunden nachdem sie ihren Zug verpasst hat, steht Marie auf der Luitpoldbrücke. Sie sieht in das türkisgrüne Wasser der Isar, das langsam aber stetig unter ihr vorbeizieht. Der letzte Regenschauer ist erst ein paar Minuten vorbei und der Wind weht ihr das Haar seitlich ins Gesicht.

Gedankenverloren streift sie die Haare zurück und blinzelt in die Sonne, die gerade wieder die Herrschaft über den Himmel gewonnen hat. Vergleichsweise langsam kommt ihr der Fluss an dieser Stelle vor. Sie sieht noch einmal nach Süden, woher sie gerade gekommen ist.

Sie hat ihr Haus im Brunnwartsweg um kurz vor zehn Uhr wieder verlassen, nur knapp 2 Stunden nachdem sie vom Bahnhof zurückgekommen war. Sie hatte die Kündigung geschrieben, in ein Kuvert gesteckt und auf den Esstisch gelegt.

Danach hatte sie ihren Rucksack gepackt, ein zweites Frühstück eingenommen und in ihren Laufsachen mit Leichtgepäck das Haus verlassen. Es kostete sie noch einmal kurz etwas Überwindung als sie die Haustür hinter sich ins Schloss zog. Es fühlte sich anders an als sonst, wenn sie mal über Nacht weg musste, irgendwie beunruhigend, nein – unumkehrbar.

Schon nach wenigen Metern ging es nach links bergab in Richtung Isarufer und sie fiel wie automatisch in einen lockeren Laufschritt.

Marie hatte das Laufen wiederentdeckt, nachdem sie es in den ersten Jahren nach der Geburt von Fabian schon fast aufgegeben hatte. Schon als Kind war sie gut zu Fuß. Ihr Vater hatte sie frühzeitig auf seine Wanderungen als Streckenwart des Wandervereins mitgenommen. Schon damals war sie gerne unterwegs.

An der Grünwalder Brücke musste Marie noch einmal stoppen um die Schnürung ihres rechten Laufschuhes etwas zu lockern, sie bekam den richtigen Anzugsmoment auf Anhieb nie hin. Wenn sie zusammen mit Michael unterwegs war, wartete er immer schon auf diesen Moment um sie damit aufzuziehen.

Ihre gemeinsamen Wandertouren lagen jetzt aber auch schon ein paar Jahre zurück. Natürlich gingen sie auch mit Fabian wandern, aber diese Touren hatten einen anderen Charakter als ihre gemeinsamen Unternehmungen davor.

Die ersten Kilometer entlang der Isar waren ihr so vertraut vorgekommen. Hunderte Male war sie diese Strecke schon gelaufen. Am Isarufer angekommen wechselte sie vom Laufschritt ins Gehen. Sie war viel gelaufen in den vergangenen Monaten. Es schien der perfekte Ausgleich für sie zu sein.

Das Laufen bot ihr kurzfristig genau das, was sie brauchte. Täglich etwas Zeit nur für sich selbst und außerdem ein Spielfeld für ihren Ehrgeiz, den sie beruflich zunehmend nicht mehr aufbrachte. Zuletzt fragte sie sich jedoch, ob Michael nicht doch recht hatte, mit seiner Vermutung, dass es eher den Charakter einer Flucht hatte. Doch wovor?

Wenn Marie etwas anpackte, dann machte sie es richtig. Und so weitete sich auch das Laufen schnell zu einer Art von Besessenheit aus, die Außenstehende nur schwer nachvollziehen konnten. Sie war immer schon eher von zarter Statur gewesen und wog bei einer Köpergröße von 1,65 m abgesehen von ihrer Schwangerschaft nie mehr als 52kg. Durch ihre täglichen Läufe, die zuletzt nicht selten auch 20 Kilometer überschritten hatten, war sie noch drahtiger geworden, was ihr selbst zwar gefiel, aber weniger aktive Menschen zunehmend dazu veranlasste, ihr hinter vorgehaltener Hand eine Essstörung zu unterstellen.

Seit ein paar Monaten hatte sie jetzt tatsächlich Probleme mit der Ernährung, nicht jedoch aus ästhetischen Gründen. Sie hatte fast ständig Magen- oder Darmprobleme und fand einfach nicht heraus warum. So experimentierte Sie mit Weglassen, was die Sache unter dem Strich sogar noch verschärfte, da ihr die nötige Gedankenlosigkeit und Unbeschwertheit in Bezug auf das Essen dadurch vollkommen abhandengekommen waren.

Jetzt steht sie auf der Luitpoldbrücke um zu tun, was sie schon dauernd tun wollte. Wie gedanklich aktiviert, vibriert das Smartphone in ihrem Laufrucksack.

Sie zieht das Diensthandy aus der seitlichen Netztasche, lehnt sich mit beiden Ellbogen aufs Geländer und sieht auf das Display des in ihren Händen liegenden Samsung Galaxy bis es nach einer gefühlten Ewigkeit den Vibrationsalarm wieder einstellt. Das Display zeigt „Anruf in Abwesenheit Jan Berghoff mobil“. Kurz später zeigt ein erneutes Vibrieren an, dass sie eine Mailboxnachricht erhalten hat.

Zwischen ihren Armen hindurch sieht sie in den sanft dahinfließenden Strom. Sie schaut auf, schließt die Augen und genießt die wärmenden Sonnenstrahlen im Gesicht. Dann öffnen sich ihre Hände und Marie lauscht gespannt auf das Eintauchen des Gerätes in den Fluss. Seltsam klingt es, nicht klatschend wie erwartet, es ist kaum hörbar – der Strom hat das Gerät einfach in sich aufgenommen. „Asta la vista“ murmelt sie und genießt noch ein paar Minuten die Sonne im Gesicht.

Wohin wird ihre Reise gehen?

Sie will nur ein paar Tage frei sein, den Gedanken nachhängen und dabei nicht still stehen. Was dann kommt, wird sich fügen.

Marie fühlt die freudige Aufgeregtheit des bevorstehenden Abenteuers in sich aufsteigen, eine Mischung aus Vorfreude, Ungewissheit und einem Rest von Unsicherheit, der wohl am ehesten daher rührt, dass sie noch nicht mit Michael gesprochen hat. Spätestens wenn er Fabian vom Kindergarten geholt hat und er ihren Koffer sieht, wird er merken, dass sich in Bezug auf ihre Pläne etwas geändert hat. Was wird er sagen?

Sie wäre doch sowieso bis zum Wochenende weg gewesen.

Will sie wirklich schon in fünf Tagen zurück sein?

Wieviel Erkenntnis passt in fünf Tage des Unterwegsseins? Was wird er zu ihrer Kündigung sagen? Sie hätte eine Frist einzuhalten gehabt, hätte zumindest ein Gespräch suchen sollen.

„Hör auf zu denken! Jetzt ist es sowieso zu spät!“ raunt sie sich zu.

Minuten später ist Marie nur noch unterwegs, setzt einen Fuß vor den anderen, immer dem Fluss folgend, einem unbestimmten Ziel entgegen.

Marie läuft.

2 Gedanken zu „Marie läuft“

  1. Geil!

    Lieber Sebastian, Maries Aktion hat mir sehr viel Spaß gemacht, vor allem weil du uns so tief in ihr Seelenleben geführt hast. Für meine Identifikation mit der Titelheldin kommen hier zwei wichtige Dinge zusammen:
    – das Laufen als einfacher Vorgang der Selbstfindung
    – der Überdruss am Hamsterrad, aus dem sie gerade ausgestiegen ist (bzw. in den ICE erst gar nicht eingestiegen ist).

    Die Geschichte ist detailreich beschrieben, was die Entstehung der passenden Bilder im Kopf erleichtert, und spannend bis zum Schluss. Überdies ein Cliffhanger, der mich zu der Frage bringt:
    Werden wir erfahren, wie es mit Marie weitergeht? Mich würde es freuen!

    Liebe Grüße
    Wolfgang

  2. Lieber Wolfgang,

    danke für Deinen netten Kommentar. Du weißt ja, dass ich gerne ein bisschen experimentiere und das ist nicht nur beim Laufen so. Vor allem weil ich beim Laufen zur Zeit gar keinen Bedarf dazu habe. Es läuft eben einfach – weiterhin mit niedriger Intensität, ohne Dämpfung und mit null Sprengung. Nur insgesamt etwas weniger, da ich wieder mehr mit dem Rad unterwegs bin – mitunter sogar richtig lange. Habe gerade mein erstes Brevet hinter mir 🙂

    Der „Marie läuft“-Beitrag ist so eine Art kleines Experiment im Großen – wie Du sicher schon vermutest. Ich habe das schon letztes Jahr geschrieben, als Anfang einer Roman-Idee, die sich dann leider doch erst einmal tot gelaufen hat. Für den Blog habe ich das erste Kapitel einfach ein wenig gekürzt und modifiziert.

    Und ja, ich habe auch darüber nachgedacht, Marie hier alle paar Wochen ein Stück weiter laufen zu lassen. So manches gäbe es bereits, aber da kann ich mich noch nicht entscheiden.

    Jedenfalls freut es mich sehr, dass Du den Beitrag gelesen und dich dazu geäußert hast, ist ja nicht gerade die Art von Beitrag gewesen, die man hier erwartet 😉

    Beste Grüße
    Sebastian

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