Die Dschungelpatrouille

Der Dschungel liegt in Bayern

Es ist verdammt dunkel in diesem Waldstück nicht weit von Ebersberg. „Pflatsch“ schon wieder steckt der Fuß bis zum Knöchel im Schlamm.

Der Trail schlängelt sich auf und ab, südlich entlang der Wildschutzzone im Ebersberger Forst, eine echte Sahnestrecke, egal ob laufend oder bikend. An schönen Tagen krönt ein herrliches Alpenpanorama den landschaftlich und technisch faszinierenden Pfad.

Jetzt ist es anders, es ist stockdunkel, nass und mit 2 bis 3 Grad auch kalt. Ein kalter Dschungel – im bayerischen Süden.

Der Lichtkegel meiner Stirnlampe scannt den Untergrund, der Läufer hinter mir findet den Weg auch ohne Licht – er verlässt sich ganz auf die Wahrnehmung seiner Füße.

 

Mein Treffen mit dem Barfußläufer

Allein wäre ich nicht auf die Idee gekommen, diesen anspruchsvollen Trail ausgerechnet an einem späten Februarabend zu laufen. Doch heute habe ich einen neuen Mitläufer, dem ich die tolle Landschaft und Strecke nicht vorenthalten will.

Sein Wunsch war eindeutig: Waldlauf, auch gerne im Dunkeln.

Ich hatte natürlich angenommen, dass er wenigstens mit einer einfachen Stirnlampe daherkommt, so wie ich. Aber Wolfgang ist nicht nur bei der Schuhwahl minimalistisch.

In der Regel läuft er ganz ohne Schuhe. Er ist ein waschechter Barfußläufer. Und er schreibt in einem faszinierenden Blog darüber, und das so überzeugend und spannend, dass Barfußlaufen auch für mich wieder weit oben auf der ToDo-Liste steht.

Es ist letztlich ein spontanes Treffen. Wolfgang ist beruflich in der Nähe und Gesprächsstoff ist programmiert, wenn zwei leidenschaftliche Läufer, Leser und Hobby-Texter zusammenkommen.

Die Strecke wird zur Nebensache

Die gewählte Strecke sollte eine besondere sein, wenn schon mal Besuch kommt. Gelaufen bin ich sie nur wenige Male, denn sie beginnt schon eine gute Laufstunde von meinem Wohnort entfernt. Doch zigmal bin ich diesen Trail schon mit dem Bike entlang gejagt, meinem geliebten Liteville 301.

Doch jetzt in der Dunkelheit muss ich immer mal wieder kurz innehalten um mich zu orientieren, faszinierend wie anders das jetzt ist. Die Schönheit ist kaum noch auszumachen, der Anspruch hingegen schon. Erschwerend kommt hinzu, dass wir ununterbrochen im Dialog gefangen sind:

„Was hältst Du von Chi-Running? Wie funktioniert das mit der Beckenrotation? Gibt es zwischen Vor- und Mittelfußaufsatz wirklich einen Unterschied oder meint beides das Gleiche und es ist letztlich nur eine Definitionsfrage?“

„Pflatsch“… diesmal ist Wolfgang voll reingetappt. Zum Glück wieder nur ein Matschloch. An den zahlreich quer verlaufenden Wurzeln bleibt heute keiner von uns hängen.

Ich fühle mich wohl mit meinen minimalen, aber trotzdem griffigen Merrell Trail Gloves an den Füßen, aber auch mit meiner Stirnlampe. Wolfgang ist mir in seiner Erfahrung mit dem Barfußlauf weit voraus, aber er konnte nicht ahnen, wie fordernd die von mir gewählte Strecke unter heutigen Bedingungen sein würde.

Er ist ganz ohne Licht unterwegs. Und trotzdem – oder gerade deswegen – strahlt er Souveränität aus, wie er sich mit den Füssen tastend über den Trail bewegt. Ich habe zu keiner Zeit Sorge, dass er sich verletzten könnte.

Er hat sich für die SoleRunners an den Füßen entschieden, wohl seine Maximalvariante für den Winter. Mütze und Handschuhe braucht er im Gegensatz zu mir nicht. Ich würde heute sterben ohne Mütze.

Virtuelles und reales Bild

Es wird heute viel diskutiert über virtuelle Schein- und Parallelwelten, und vielleicht lebt auch manch laufender Blogger bewusst oder unbewusst in einer anderen Welt als er vorgibt.

Auch ich kenne Wolfgang bis zu diesem Abend nur virtuell, als Leser seines Blogs und als Gast auf meinen Seiten. Doch ich habe sofort das Gefühl, das wir uns schon kennen und das ändert sich auch während unseres ersten realen Treffens auf dem matschigen Trail in meinem Forst nicht. Das Bild stimmt.

Anders als er habe ich auf seinem Blog zumindest schon ein Foto finden können, er hingegen kennt nur das Bild meines Biegemännchens – und das habe ich nicht gewählt, weil es mir besonders ähnlich ist. Ein kleiner Vorteil für mich.

Was im schriftlichen Austausch über das Laufen nicht rüberkommen kann, das ist Feedback zur praktischen Umsetzung der diskutierten Theorien. Auch das macht den Reiz eines echten Treffens und eines gemeinsamen Laufes aus.

Doch wir haben den Zeitpunkt und Ort nicht ideal gewählt – denn viel sehe ich von Wolfgangs Laufstil heute nicht. Umgekehrt ist es wohl kaum anders, wenn nicht noch schwerer, da es ja ich bin, der zumindest eine Stirnlampe hat.

Die Dschungelpatrouille

Es macht heute schlicht Spaß, zur Unzeit in diesem schönen Stück Wald laufend und quatschend unterwegs zu sein. Ausgeschlossen, jemanden zu treffen, der kein braunes Fell trägt. Doch die Braunkittel haben keine Chance von uns überrascht zu werden, still sind wir nämlich nicht.

Unser Redefluss wird allenfalls durch einen gelegentlichen Fluch unterbrochen, wenn die Minimalschuhe entweder versinken oder den Halt verlieren.

Mir fällt dazu spontan die „Dschungelpatrouille“ ein, seit dem großartigen Radsportfilm „American Flyers“ (mit Kevin Kostner) ein geflügeltes Wort für mich.

Wie im Flug vergehen die Minuten und den Rückweg wählen wir dann auch etwas zahmer. Jetzt merke ich, dass sich Wolfgang etwas bremsen muss um bergauf nicht ungewollt davon zu ziehen. Er läuft normalerweise einfach schneller als ich, aber das bin ich in der Zwischenzeit gewohnt.

Am Auto angekommen, kann ich ihn dann nicht mal zu einem Abendessen überreden, wahrscheinlich braucht er schlicht nichts – nach nicht mal ganz 2 Std. rein aeroben Dauerlauf. Während ich später im warmen Bad liege, arbeitet er noch an einer Präsentation für den nächsten Tag.

Kein Lauf ohne Lehren

Selten wird man einen Lauf in der Natur erleben, von dem nichts zurückbleibt, und sei es nur unterbewusst. Zusätzlich und unabhängig von den spannenden Rahmenbedingungen nehme ich diesmal aber auch aus unseren Gesprächen während des Laufes Anregungen mit.

Ein Auszug:
• Die Beckenrotation als Element des Laufstils verdient vielleicht mehr Aufmerksamkeit als ich ihr bisher beigemessen habe. Das könnte anspruchsvoll werden.
• Meine Bemühungen um mehr Achtsamkeit im Alltag und beim Laufen muss ich entgegen meiner Bedenken vielleicht gar nicht weiter forcieren, sondern kann sie auch weiterhin auf mich zukommen lassen. Das passt mir gut, weshalb ich diesen Rat gerne annehme.

Es scheint der Achtsamkeit eigen zu sein, dass sie sich nicht erzwingen lässt.

Wir werden uns jedenfalls wieder zu einem gemeinsamen Lauf treffen, nächstes Mal dann vielleicht mal bei Tageslicht. Das erleichtert das gegenseitig erwartete Feedback zum Laufstil sicher merklich.

Eine Menge Spaß und gute Gespräche hatten wir auch dieses Mal schon.

Auch Wolfgang hat unser gemeinsames Laufabenteuer unter dem Titel die Schlammspringer auf seinem Blog verarbeitet.

16 thoughts on “Die Dschungelpatrouille”

  1. Lieber Sebastian,
    bevor ich mir nun Wolfgangs Blogeintrag durchlese, werde ich erstmal hier ein Kommentar los.
    Tolle Aktion, bin begeistert, genau so etwas macht unser Laufen aus. Man trifft sich, obwohl noch nie real begegnet gibt es keine Berührungsängste, ja man kann fast sagen, man kennt sich und dann geht es schon los. Man lernt voneinander, etwas über das Leben des Anderen und v.a. über die Art zu laufen. Ich kann mir das gut vorstellen, wie ihr durch die Nacht auf den Trails gelaufen seid.
    Dennoch denke ich, Du machst Dir zu viele Gedanken über den richtigen Laufstil, wenn Du Schuhe ohne Sprengung läufst, hast Du schon den ersten Schritt gemacht. Barfuß zu laufen gehört bei mir genauso dazu, wie essen oder trinken. Dabei kann man nicht viel falsch machen, ausser man drückt zu sehr nach vorne, sprich, im Prinzip reicht es schon, den Fuß senkrecht nach oben vom Untergrund abzuheben bei entsprechender Neigung des Körpers, der Vortrieb und auch das richtige Aufsetzen des Fußes kommt von alleine. So meine Erfahrung in den letzten 5 Jahren Barfußlaufen. Man muss das ja nicht gleich im Dunkeln auf Trails probieren 😉
    Ich bin gespannt, was da noch kommt in Deinem Läuferleben…

    Salut

    1. Lieber Christian,

      ich zitiere an dieser Stelle einfach mal aus dem „About“ Deines Blogs: „Bin besessen von allem was ich anpacke“ 😉

      So ungefähr ist das bei mir auch. Deswegen kann ich nicht anders, als in Bezug auf den Laufstil weiter zu experimentieren – immer auf der Suche nach noch mehr Mühelosigkeit. Das hat mich ja auch schon ein gutes Stück weit gebracht – nicht ohne Irrungen 😉

      Aber Du hast natürlich trotzdem Recht, dass ich mir zu viele Gedanken mache, und das aber nicht nur in Bezug auf den Laufstil. Zuviel Denken ist meine große Schwäche…

      Und ja – das war eine tolle Aktion. Würde mich freuen, wenn wir uns auch mal zu einer solchen treffen könnten.

      Beste Grüße
      Sebastian

      1. Sehr gerne würde ich mal mit Dir laufen wollen, vielleicht passt es ja mal. Wenn Du im Großraum Stuttgart bist, einfach vorher melden, dann finden wir die Zeit für einen (Nacht-) Lauf ganz bestimmt 😀

        Salut

  2. Lieber Sebastian,

    erst einmal zu eurem nächtlichen Bloggertreffen, wie man lesen kann, klappt es auch gut miteinander im Dunklen. Meine zahlreichen Bloggertreffen fanden immer im Hellen statt, für mich also ein Novum, aber da ihr beide für eure Leser sowieso keine Gesichter habt, müssen wir uns aus vielen Puzzle-Teilen eh ein eigenes Bild machen.

    Gut, dass du wenigstens die Lampe hattest, ich stelle mir das schon heftig vor, im Dunklen auf unwegsamen Terrain unterwegs zu sein, aber – wie man liest – alles gut gegangen.

    Treffen wie diese kenne ich zum Glück auch zu Genüge, und in den meisten Fällen hat man das Gefühl, man kennt sich, ist sich keinesfalls fremd – wie ich berichten kann, entstehen sogar Freundschaften.

    Was das Schleifen am eigenen Laufstil angeht, bin ich bei Christian, einfach laufen lassen !

    Nicht zuletzt kenne ich auch sehr gut die Gespräche über andere Blogger, andere Blogs, findet auch da – meistens – Übereinstimmung !!

    Na dann – Grüße von der eisigen Ostsee 😎

    1. Liebe Margitta,
      wie Du weißt habe ich 2010/2011 auch meinen Laufstil zum wiederholten Mal verändert und ich neige ja ähnlich wie Sebastian zur Perfektion, aber momentan läuft es so gut, warum sollte ich etwas ändern wollen? Deshalb weiter laufen lassen…

      Salut ma chère

    2. Liebe Margitta,

      ok, verstanden. Extra für Dich habe ich jetzt auf der Seite „Über mich und meinen Blog“ ein Bildchen von einem meiner letzten echten Wettkämpfe eingebaut. Ist schon ein paar Jährchen her, aber ein aktuelleres „Einsatz“-Foto habe ich nicht gefunden.

      Vielleicht sollte ich wirklich irgendwo auf diesen Seiten mal zu sehen sein, zumindest versteckt 😉 Ich mag meine Privatsphäre, aber so extrem muss es vielleicht wirklich nicht sein.

      Zum obigen Beitrag: Es war zwar dunkel, aber vom Wolfgang habe ich jetzt schon ein gutes Bild. Und umgekehrt ist das sicher genauso.

      Beste Grüße
      Sebastian

      1. Lieber Sebastian,

        hach, was für eine Freude, macht Spaß, sein “ Gegenüber “ sich auch bildlich vorstellen zu können, perfekt – dann auch noch extra für mich – vielen Dank (deine Oberschenkel sprechen aber nicht nur vom Laufen – oder irre ich mich ? ).

        Auch ich lege großen Wert auf Privatsphäre, was aber nicht ausschließt, hin und wieder ein “ laufendes “ Konterfei auf meinem Blog sichtbar werden zu lassen.

        Nochmals vielen Dank und eisige, sonnige Grüße von ganz oben !

        1. Du irrst natürlich nicht. Fürs Laufen nutzlose, wenn nicht hinderliche Masse. Mehr als ein Jahrzehnt intensiver Radsport hat Spuren hinterlassen. Wird aber immer weniger. Die typischen Läuferhöschen werde ich wohl trotzdem nie tragen können – sonst beißt der Wolf 😉

  3. Lieber Sebastian,
    der Beitrag ist Wasser auf meine Mühlen – Auch wenn Du Achtsamkeit jetzt mehr auf Dich zukommen lassen willst 😉 Ich finde das ist ein großes Beispiel!

    Die ganze Konstellation (und ich hab auch parallel den Post von Wolfgang offen) zeigt doch wieder wie groß und vielfältig unsere Welt ist!

    – Da ist einer der läuft einen Trail, erzählt von einem Trail und meint einen dunklen, schlammigen, verwurzelten Trail. Der andere meint Waldweg und meint Restlicht.
    – Andersherum meint einer Laufschuhe – und zwar wirklich Schuhe speziell für die Tätigkeit des Laufens – und der andere meint minimalen Schutz weil man ja wenig sehen kann – dass man sich nicht die Zehen anhaut – und der läuft auch!

    Selbst so eine Miniaktion wie Euer gemeinsamer Lauf durch den Wald zeigt schon so viele verschiedene Wahrheiten und Sichtweisen auf – wie bunt ist dann die ganzen Welt?!

    Schönes Beispiel – Danke dass Ihr beide das so schon beschrieben habt 🙂

    Viele Grüße,
    Hans

  4. Hallo Hans,

    ja, das fand ich auch wirklich interessant. Ist, wie Wolfgang bei sich schreibt, aber auch irgendwie logisch.

    Kennst Du die Strecke entlang des Zaunes zum Wildschutzgebiet (zwischen EBE und Kirchseeon)? Wenn nicht – dann sollten wir die auch irgendwann mal zusammen laufen. Die ist sensationell, vor allem am Tag 😉 Und Du hast es ja wirklich nicht weit.

    Und der Wolfgang hat ja bestätigt, was ich hier sowieso immer mehr als breit trete, dass ich es gemütlich mag (oder mögen muss). Insofern kann mit mir wirklich jeder laufen.

    … musst höchstens ab und zu auf mich warten. Es sei denn, ich rede gerade zu viel für Dich 😉

    Beste Grüße
    Sebastian

    1. Hallo Oliver,

      Erlebniserzählung war zwar in der Schule nicht meine Stärke (wie Deutsch überhaupt, ach ja und Mathe und…), aber ich versuche es halt immer wieder 😉

      Schön, dass es Dir gefallen hat!

      Gruß Sebastian

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