Faszination Ultra-Trail

Epische Landschaften, unbefestigte Pfade, unglaubliche Distanzen – und mittendrin Menschen, die im Wettkampf mit sich und anderen ihre Grenzen ausloten.

Das sind die wesentlichen Zutaten für einen Trail-Ultramarathon.

Jede einzelne davon vermag es, mich zu begeistern. In Kombination üben diese Zutaten seit Jahren ihre Faszination auf mich aus.

Und das,

„obwohl ich selbst nicht mal wirklich ein Teil davon bin.“

Natürlich laufe ich bevorzugt auf Trails, sogar sehr viel und auch mal lang.

Aber wenn ich von der Faszination Ultra-Trail rede, dann kommt mir anderes in den Sinn…

Etwas, das ich selbst – als Läufer – leider nicht im Kreuz habe.

Western States 100 und der Beginn eines Traumes

Zum ersten Mal vom Western States 100 Endurance Run las ich in „Ultra Marathon Man“, dem Laufsport-Bestseller von Dean Karnazes.

Typisch amerikanisch spart Karnazes nicht mit Superlativen und über manches im Buch beschriebene Motiv für seine Ultraläufe musste ich schon schmunzeln.

Aber die Beschreibung seiner ersten Teilnahme am Western States 100 habe ich bestimmt fünfmal gelesen, nämlich immer dann, wenn ich mich selbst mal motivieren musste. Denn das können die Amerikaner.

Ja, und ich kann auch nicht bestreiten, dass ich in den ersten Jahren nach der Lektüre selbst noch davon geträumt habe, einmal dort anzutreten.

Ich trainierte nicht direkt für diesen Traum, aber in Richtung Ultradistanz ging es schon. Stadt-Marathon-Läufe hatte ich schon in den Jahren zuvor sporadisch bestritten.

„Doch Stadtmarathons übten nun keine Faszination mehr auf mich aus.“

Es folgten jedoch erst einmal Rückschläge in Form von klassischen Laufverletzungen.

Gerade als ich die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte, erschien in den USA das später auch bei uns viel diskutierte Buch von Christopher McDougall „Born To Run“, das ich bei einem dienstlichen Aufenthalt in den USA eher zufällig erwarb.

„Es gab also doch einen Weg zum Western States, ich hatte ihn nur noch nicht beschritten.“

„Born To Run“ leitete nicht nur einen Paradigmenwechsel bei Sportwissenschaftlern und Laufschuhindustrie ein. Es bedeutete auch für mich eine umfassenden Wechsel meines Laufstils.

Die Umstellung dauerte ein paar Jahre, aber sie hat sich für mich gelohnt. Meine Zusammenfassung dazu kannst Du bei Interesse hier lesen.

Von neuen Laufverletzungen blieb ich seither verschont. Und auch ein schon vorhandener Knorpelschaden im rechten Knie macht mir seitdem kaum noch Schwierigkeiten.

Das neue Laufgefühl in leichten Minimalschuhen möchte ich nicht mehr missen. Vielleicht bin ich dadurch erst richtig laufsüchtig geworden – aber das ist ein ganz anderes Thema.

Der Trail Boom

Spätestens seitdem „Born To Run“ auch in Deutschland erhältlich ist, bin ich mit meinem Traum nicht mehr allein.

Mit dem Trail Magazin entstand sogar eine eigene Zeitschrift, die sich ganz dem Weg zum Traum Ultra-Trail widmet und sich mit allen materiellen Begleiterscheinungen dazu auseinandersetzt.

Noch vor zehn Jahren hätte hierzulande kaum ein Läufer mit dem Begriff Ultra-Trail etwas anfangen können. Doch das hat sich in den letzten Jahren gründlich geändert.

Wer heute einen Startplatz bei berühmten Ultra-Trail Veranstaltungen wie dem UTMB (Ultra-Trail-du-Mont-Blanc) oder dem Western States 100 ergattern möchte, der muss sich nicht nur aufwändig bei kleineren Veranstaltungen qualifizieren (die alleine schon unfassbares abverlangen), sondern auch noch Losglück mitbringen.

Und das, um an einem Wettlauf teilzunehmen, der über mehr als 160 km mit vielen tausend Höhenmetern führt. Eigentlich ganz und gar unfassbar – oder?

An meiner Faszination zum Thema Ultra-Trail hat der Boom nichts geändert, auch wenn ich mich lieber in der Nische bewege.

Es ist eher das Gegenteil der Fall.

Zwischenzeitlich kann man sich sogar den direkten Wettkampf von vier Ikonen der amerikanischen Ultra-Szene beim Western States 100 aus dem Jahr 2010 auf DVD ansehen. Ein Echtes Wettrennen über 100 Meilen.

Wer meine Faszination teilt, und den Film „Unbreakable: the Western States 100“ noch nicht gesehen hat, dem möchte ich an dieser Stelle eine klare Kaufempfehlung geben.

Der Film ist für eine Handvoll Dollar direkt bei Journeyfilms in den USA bestellbar.

Und er zeigt auch eine andere Facette, die ich faszinierend am derzeitigen Boom finde:

„Nur ganz wenigen ist es möglich, einen schweren Ultra-Trail weitgehend laufend zu bestreiten.“

Und nur einem Bruchteil derer, die sich dafür begeistern, wird es vergönnt sein, die Distanz auch nur irgendwie zu meistern.

In Anzeigen und Lauf-Magazinen sieht das natürlich anders aus. Da sieht man die Jungs und Mädels meist sogar mit beiden Füßen in der Luft. Da wird die eigene Einordnung zunächst schon etwas erschüttert.

Ich sehe die Sache mit meiner Ultra-Trail Faszination mittlerweile ein wenig wie früher, als ich als junger Amateur-Radrennfahrer noch fasziniert die Tour-de-France verfolgt habe. Da wusste man auch, dass es noch eine andere Liga gibt, ohne dass es einem den Spaß am Hobby verdarb.

Die Faszination für die Tour de France erstarb für mich schrittweise, aber nachhaltig, durch die Dopinggeschichten der späten Neunziger, die wahrscheinlich bis heute in irgendeiner Form andauern.

Vielleicht hat auch diese Enttäuschung gerade Ultra-Trail-Running für mich als Fan so attraktiv gemacht.

Geplatzter Traum?

Ich laufe nach wie vor vier- bis fünfmal die Woche und baue am Wochenende, wenn es die Familie zulässt, einen längeren Trail-Lauf ein. Ich verfolge auf www.irunfar.com die Ultralaufszene und jedes Buch zum Thema zieht mich magisch an.

Der Traum von der eigenen Western-States-Teilnahme ist mit den Jahren dennoch verblasst.

Der entscheidende Grund ist, dass ich mittlerweile weiß, dass ich zu Bluthochdruck neige und dadurch schlicht gezwungen bin, langsamer zu machen und mit Grundlagentraining zufrieden zu sein. Da wäre es grotesk an derart extremen Träumen festzuhalten.

Und ich habe mittlerweile eine eigene kleine Familie und treffe Entscheidungen nicht mehr nur für mich alleine. Meinen Sport möchte ich da nicht noch mehr ins Zentrum stellen, als er es durch die fast täglichen Läufe schon ist.

Die Faszination bleibt

Die Ultra-Trails und die entstandene Szene faszinieren mich weiterhin. Selbst laufe ich zwar eher locker durch die Wälder und auch 100 Meilen werden es wohl nie werden, aber an der Tour de France konnte ich ja auch nie teilnehmen.

Mich fasziniert, was der Mensch zu leisten imstande ist. Ich verfolge die wichtigsten Rennen als lesender Fan und

„ich verschiebe derweil die eigenen Grenzen einfach im Rahmen meiner begrenzten Möglichkeiten.“

Und ein kleinerer Ultra-Trail wie die Wörtherseeumrundung sollte mit der nötigen Gelassenheit durchaus noch drin sein.

6 Gedanken zu „Faszination Ultra-Trail“

  1. Hi, Flowrunner, ja, ich kann dich sehr gut verstehen, üben nicht gerade die Ultratrails einen so großen Eindruck auf mich, eher Ultras im allgemeinen, sie haben mich nie losgelassen, Erfahrungen, die ich nicht mehr missen möchte.

    “ Mich fasziniert, was der Mensch zu leisten imstande ist. “ Genau das ist es, am eigenen Leib erfahren zu können, dass man zu weit aus mehr in der Lage ist, als man je von sich erwartet hätte, es lohnt sich, sich durchzubeißen bis zum bitteren Ende, das macht stark – und das nicht nur in läuferischer Hinsicht.

    Sag‘ ich doch: ultra ist gut !

    Auch wenn dein Traum aus genannten Gründen nicht durchführbar sein wird, eine Wörtherseeumrundung (habe gerade mal nachgelesen mit 120 km ) ist schließlich auch etwas Außergewöhnliches – zumal du mit der richtigen Einstellung an die Sache herangehen wirst – hast ja noch ein Jahr Zeit zum Üben !

    Bin gespannt.
    Ostseegrüße nach unten 😎

    1. Liebe Margitta,

      Schön, dass Du mir die Runde gleich hin und zurück zutraust, aber ich fühle mich mit der einfachen Umrundung und 60km Länge derzeit ausreichend gefordert 😉 …und so gehen die Ziele auch nicht so schnell aus.

      Wäre ja schlimm, es ginge einem wie im Beitrag genannten Dean Karnazes, der teilweise gar keine Veranstaltung mehr fand, deren Länge ihn noch gefordert hätte, und dann nach einem fragwürdigen Marathon im ewigen Eis nackt am Südpol posierte 😉

      …da fühlt man sich als Hobbyläufer mit Handicap doch fast schon wieder privilegiert.

      Beste Grüße vom FlowRunner

  2. Lieber Sebastian,

    so jetzt, schaff ich es auch mal zu kommentieren 😉

    Faszination ist dich etwas Wunderbares, und ich finde es gerade toll, das wir uns für etwas begeistern können, obwohl wir wissen, das wir uns nur ein kleines Stück davon erfüllen können. Meistens faszinieren sich Menschen für publikumswirksame Sportarten und nicht gerade für 100 Meilen Läufe durch die Pampa, aber wir dürfen auch immer wieder selbst erfahren, was es bedeutet durch die Einsamkeit im Wald oder den Bergen zu laufen und so können wir selbst Eindrücke gewinnen, wie entspannend und erholsam so ein Erlebnis sein kann. Wir müssen nicht einem Traum nachjagen, wir haben immer wieder einen kleinen Teil davon in der Hand oder besser in den Beinen, ist das nicht herrlich?

    Salut

    1. Hallo Christian,

      Ja, das ist wunderbar, und ich bin sehr dankbar dafür. Letzteres wahrscheinlich gerade deshalb, weil auch schon mal mehr ging. Es ist schon interessant, was man alles als selbstverständlich annimmt – ohne darüber nachzudenken. Und wenn ich das jetzt auf andere Lebensbereiche anwende…

      Es gibt auch sonst viel Anlass zu Dankbarkeit und auch ein wenig Demut.

      Es freut mich, dass Du vorbeigeschaut und mich zum nachdenken gebracht hast!

      Beste Grüße
      Sebastian

  3. Hallo Sebastian Flowrunner!

    eine neue Facette in der Laufblogszene. Interessant und tiefgründig, was ich da bislang bei Dir gelesen habe.

    Welche Laufphilosophie individuell die richtig ist, muss jeder für sich entscheiden. Aber das Genusslaufen hat schon etwas für sich. Der eigene Körper wird es einem danken … sagt der, der gerade beim Versuch gescheitert ist, eine neue persönliche Marathonbestzeit zu laufen. 😉

    Viele Grüße
    Rainer 😎

    1. Hallo Rainer,

      Schön, dass Du hierher gefunden hast.

      Den Wunsch nach einer neuen Marathonbestzeit kann ich sehr gut nachvollziehen. Sie ist bei mir eben nicht mehr drin. Als Läufer trägt man die, gewollt oder ungewollt, immer mit sich rum. Und ich hader mit meiner schon gelegentlich 😉

      Ich wünsche Dir schon deshalb, dass es beim nächsten Versuch klappt!

      „Schlauer“ Spruch für die Zwischenzeit: Die schöneren Marathonstrecken sind für eine Bestzeit meist nicht geeignet!

      Beste Grüße
      Sebastian

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