Urlaub vom Laufen

Durchhängen

Braucht man Urlaub vom Laufen? Das Laufen gehört längst fest in meinen Alltag, gerade so wie die Ausübung meines Berufes oder die Zubereitung des Frühstücks. Ich kann leider nicht so viel Zeit mit Laufen wie mit Arbeiten verbringen, aber ich tue es zumindest genauso regelmäßig.

Im Gegensatz zum Broterwerb empfinde ich es auch nie als Last. Das liegt wohl auch daran, dass ich nicht mehr im klassischen Sinne trainiere, sondern einfach laufe um des Laufens willen. Und trotzdem hatte ich in den vergangenen zwei Wochen einen echten Durchhänger. Und das kam so…

Urlaub

Die letzten Jahre waren in Sachen Urlaub ganz von praktischen Erwägungen in Bezug auf Kleinkindtauglichkeit oder durch berufliche Veränderungen bei uns Erwachsenen geprägt. Wir mussten unsere Urlaubstage zum Teil getrennt nehmen um Schließzeiten in Krippe und Kindergarten zu überbrücken. Zusätzlich verbrachten wir sie eine Zeit lang einfach lieber in unserer oberfränkischen Heimat bei den Großeltern, damit sie Zeit mit ihrem Enkel und wir zusammen mit alten Freunden verbringen konnten. Wir haben das auch nie bereut, denn wir waren vorher jahrelang ganz ungebunden und viel unterwegs.

Ergänzt haben wir die regelmäßigen Ausflüge in die Heimat noch durch ein paar eher spontan geplante Kurzurlaube in den benachbarten Bergen Österreichs und Südtirols. Außerdem haben wir auch in unserer neuen oberbayerischen Heimat lange genug Neues zu entdecken gehabt, so dass es uns ein paar Jahre gar nicht so weit und lange wegzog.

Doch alles hat seine Zeit.

Unser Sohn kommt mit seinen fünf Lenzen jetzt ins beste Urlaubsalter, unsere neue Heimat ist nach sieben Jahren auch nicht mehr richtig neu und in beruflicher Hinsicht kommen wir langsam in eine gesetztere Phase. Deshalb haben wir unseren Sommerurlaub mal wieder langfristig planen können und die vergangenen gut zwei Wochen nach langer Abstinenz mal wieder am Mittelmeer verbracht.

Und es war einfach wunderbar in Südfrankreich am Fuße der Pyrenäen. Mediterranes Licht satt, viel Kultur und auch Erholung. Statt Alltag standen Burgen, Klöster und gelegentliche Strandbesuche auf der Tagesordnung. Dazu viel Käse, Rotwein und laue Sommernächte. Und so wie ich die Arbeit hinter mir gelassen habe, trat auch das Laufen in den Hintergrund. Das geschah überhaupt nicht bewusst, es passierte einfach. Ist das zu fassen?

Laufen im Urlaub

Wenn ich Koffer packe, egal ob dienstlich oder privat, dann gehören Überlegungen zu den passenden Laufsachen wie automatisch dazu. Meist packe ich die Laufsachen sogar zuerst und verwende auch die meisten Gedanken darauf. Auch diesmal hatte ich ausreichend Equipment dabei. Zwei Paar Schuhe, ein Trail- und ein Straßenmodell, und jede Menge sommerliche Funktionskleidung. Ich hatte also keineswegs geplant, Urlaub vom Laufen zu machen. Laufen am Meer, oder besser noch in den meernahen Bergen mit Blick darauf, was kann es reizvolleres geben?

Es kam einfach anders. Jeden Tag waren wir wie selbstverständlich in den mediterranen Bergen unterwegs um die Gegend zu erkunden. Danach stand Sandburgenbauen am Strand oder Baden auf dem Programm. Am Abend spielten wir die ein oder andere Partie Petanque und verloren uns zuweilen in Erinnerungen an unseren ersten gemeinsamen Urlaub vor 23 Jahren, der uns in die gleiche Region geführt hatte.

Laufen war ich schon auch, aber ich habe es zwischendurch einfach vergessen. So zog ich nur gelegentlich los, und dann einfach am Meer entlang in der Umgebung unseres Feriendomizils. Der Trail entlang der Felsküste von Collioure bis nach Spanien zum Beispiel, der bestimmt atemberaubend ist, muss ein anderes Mal gelaufen werden. Diesmal hat er nicht laut genug gerufen.

Doch woran lag es?

Ich weiß es nicht genau zu sagen. Ehrlich gesagt glaube ich, dass Laufen mittlerweile einfach zu sehr zu meinem Alltag gehört, und dass ich mich genau davon erholen musste. Und streng genommen beschäftige ich mich im Alltag ja nicht nur beim Laufen selbst mit demselben, sondern auch beim Lesen, bei der Tagesplanung, bei der Gestaltung der Mahlzeiten, bei der Gestaltung dieses Blogs und sicher auch in meinen Gedanken und Tagträumereien. Diesmal hatte ich weder ein Laufbuch dabei noch ein großes Ziel vor Augen. Und medienfrei waren die vergangenen zwei Wochen zusätzlich. So kam es, dass ich ganz ungewollt auch Urlaub vom Laufen gemacht habe.

Urlaub von den Medien

Ich bewege mich gewöhnlich viel im Internet, bin dienstlich und privat fast permanent irgendwie online. Im Grunde ist die einzige Zeit, in der ich offline bin, die Zeit im Bett oder eben beim Laufen.

Nein, ich gehöre nicht zu denen, die für alle sichtbar permanent mit dem Smartphone beschäftigt sind und selbst unterwegs noch Nachrichten tippen. Auch im Restaurant oder Cafe bemühe ich mich das Ding in der Tasche zu lassen. Ich bewege mich weder auf Facebook noch kommuniziere ich über WhatsApp, aber ich bin doch permanent per e-mail oder telefonisch erreichbar. Ich mag das nicht wirklich und ich weiß, dass es mir Stress bereitet, aber ich genieße auch die Vorteile des ortsunabhängigen Arbeitens und die dadurch mögliche Flexibilität.

Gerade jetzt nach dem Urlaub bin ich sicher, dass ich das alles wohl nicht im Geringsten brauche. Weder die ständige Erreichbarkeit noch die ungefilterte Informationsdichte. Mein Smartphone hatte ich bewusst zuhause gelassen, denn dass ich mich dienstlich mal wieder zwei Wochen entkoppeln wollte, das stand vorher fest. Mein privates Laptop hatte ich aber dabei. Ich habe es nur nicht einmal aufgeklappt. W-LAN im Feriendomizil ist heute Standard, man muss es nur freischalten. Ich bin jedoch nicht einmal auf den Gedanken gekommen, das W-LAN zu aktivieren. Und gefehlt hat mir nichts. Zumindest für zwei Wochen nichts.

Natürlich will ich die Informationsgeschwindigkeit und -dichte des Internet nicht mehr wirklich missen. Auch auf die Lektüre meiner favorisierten Blogs werde ich nicht länger verzichten, aber für zwei Wochen war es kein Akt. Und das freut mich.

Sorry an dieser Stelle an die betroffenen Kollegen, dass von mir zuletzt kein Kommentar mehr kam. Jetzt wisst Ihr warum. Auch die Onlinewelt gehört für mich zum Alltag, von dem ich mich diesmal gerne ein wenig entfernt habe.

Nach dem Urlaub

Morgen hat er mich wohl wieder, der Alltag. Zumindest im Laufe der kommenden Woche wird das passieren, da gebe ich mich keinen Illusionen hin. Und das macht ja auch nichts, ich habe ihn ja auch gerne.

Dennoch will ich nicht ganz ohne Lehren aus der schönen alltagsfreien Zeit der vergangenen zwei Wochen gehen und deshalb auch auf meine Eingangsfrage zurückkommen: Braucht man also Urlaub vom Laufen?

Das muss natürlich jeder für sich beantworten. Ich bin mir nur sicher, es hat mir nicht geschadet.

Ich möchte wieder bewusster Laufen gehen, auch wenn es dadurch ein paar Läufe weniger werden sollten. Ich bin zuletzt zu selbstverständlich und leider auch zu wenig abwechslungsreich unterwegs gewesen. Das will ich wieder ändern. Lieber mal einen späten Abendlauf ausfallen lassen und dafür am Wochenende wieder öfter ein privates Laufabenteuer unternehmen.

Mit meinen Onlineaktivitäten will ich es ganz genauso halten. Ich muss nicht mehr in Echtzeit mitbekommen, dass ich eine e-mail bekommen habe. Wie ich das im Detail umsetzen kann, das weiß ich jetzt noch nicht, aber weniger nebenbei und dafür gezielter ist mein Ziel.

Dass ich ab jetzt wieder öfter und länger verreisen will, das ist sowieso beschlossene Sache. Der alte Traum vom VW-Bus ist jedenfalls wiedererwacht. Und landschaftlich und kulturell geniale Fernwanderwege gibt es da unten…

Der Urlaub war klasse! Aber das hatte ich wohl schon erwähnt.

6 Gedanken zu „Urlaub vom Laufen“

  1. Lieber Sebastian, wenn einer eine Reise tut, dann………..gibt es genügend Zeit, über den Alltag nachzudenken, in Neues, Erholsames einzutauchen, um festzustellen, dass es auch ein anderes Leben gibt.

    Urlaub ohne Laufen kann ich mir nicht vorstellen, gerade dann bin ich ganz besonders gerne in Aktion, weil die Umgebung eine ganz andere ist, man Neues entdecken kann, weil man auch genügend Zeit hat – für alles.

    Deine Distanz zum Internet, Smartphone & Co. kann ich gut nachempfinden, ich halte es auch so, vermisse nichts, wenn ich dann allerdings wieder zu Hause bin, genieße ich es, freue mich sogar darauf.

    Freut mich sehr, dass du einen tollen Urlaub hattest – bald hat dich der Alltag wieder.

    Wünsche dir einen guten Anfang !

    P.S. Ich liebe Frankreich, du bringst mich da auf eine Idee, war erst kürzlich wieder in Paris, aber an der Küste – besonders an der Atlantik-Küste, finde ich es ganz besonders schön !

    1. Liebe Margitta,

      Da eint uns also auch die Liebe zu Frankreich, das ist schön. Ich war jetzt zum achten Mal da und da werden sicher noch ein paar folgen. Die Atlantikküste ist natürlich sehr reizvoll, aber die Strömungen sind nichts für kleine Kinder. Das wird dann wieder später interessant. Dieses Land ist ja so vielseitig.

      Dass Du im Urlaub nicht auf Laufen verzichten kannst, das kann ich mir vorstellen. Ich habe ja auch nicht ganz darauf verzichtet, aber es stand ganz ungewohnt weit hinten an. Heute war ich schon in der Mittagspause zum Waldlauf und ich werde ein paar Tage brauchen bis die alte Selbstverständlichkeit und der Flow zurück sind. Rein objektiv hatte der heutige Lauf die gleichen Daten (Puls/Tempo) wie vor dem Urlaub, aber es hat sich noch nicht so leicht angefühlt.

      Beste Grüße
      Sebastian

  2. Lieber Sebastian,

    vielleicht irre ich mich, aber mir scheint, du hast im Urlaub mal in die Hülle deiner Laufpuppe reingeschaut. Und hast festgestellt, dass man sie gar nicht braucht, weil sie – wie vieles andere – einfach eine Gewohnheit ist, die einen auf dem Weg in eine wirkliche Freiheit behindert. Genau so hatte ich meinen Beitrag „unverpuppt“ (http://haasky.de/unverpuppt/) gemeint. Und wenn du schon reingeschaut hast, was sich innen drin befindet, siehst du eine wunderbare Vielfalt:
    – kein Laufen (im Urlaub, wenn es Wichtigeres oder Schöneres gibt)
    – anders Laufen („…Abendlauf ausfallen lassen, dafür wieder öfter ein privates Laufabenteuer“)
    Das Laufen wird dich sicher nicht verlassen, ganz im Gegenteil: wenn man es von seinen gewohnheitsmäßigen Aspekten befreit, entwickelt es noch einen ganz anderen Charme.

    Vielleicht interpretiere ich deine Erlebnisse aber auch falsch. Mir kam da nur einiges ziemlich bekannt vor 🙂

    Liebe Grüße
    Wolfgang

    1. Lieber Wolfgang,

      Ja, da hast Du vielleicht Recht. Und dass mich das Laufen nicht mehr verlässt, solange ich dazu fähig bin, da bin ich mir auch sicher. Laufen ist doch so wunderbar. Es hat mich ja nicht mal im Urlaub ganz verlassen, es hatte nur nicht mehr den großen Stellenwert wie sonst. Und das tat gut. Meine schönste Alltagsbeschäftigung hat mich auch schon wieder, ähnlich wie die Onlinewelt 😉

      Und ganz vielleicht schaffe ich auch, was Du im vorletzten Satz ansprichst und kann es wieder etwas besonderer gestalten…

      Beste Grüße
      Sebastian

  3. Lieber Sebastian, du hattest einen tollen Urlaub. Viele neue Eindrücke, Kultur, gutes Essen, allgemeines Wohlfühlen … und den Alltag mal Alltag sein lassen. Perfekt 🙂 Wenn das Laufen dann mal hintenansteht, ist doch wunderbar, du wirst es zu Hause wieder umso mehr genießen.
    Und sich mal bewusst offline zu setzen, ist auch perfekt. Abschalten, im wahrsten Sinne des Wortes, genau dazu ist der Urlaub da.
    Klingt so als hättest du alles richtig gemacht 🙂
    Ich hoffe du hast noch eine Weile gehörige „Nachwirkungen“ von der schönen Zeit. Beste Grüße, Oliver

    1. Ach ja Oliver, so seh ich es ja wirklich auch. Eigentlich also nichts was man in einem Laufblog thematisieren müsste. Das Laufen war nur so lange nicht mehr so weit in den Hintergrund gedrückt worden – jedenfalls nicht von positiven Dingen 🙂 deshalb hab ich es dann doch irgendwie kurios empfunden.

      Mit der Nachhaltigkeit von Urlaub ist das so eine Sache. Bisher macht er mir jedenfalls noch den Wiedereinstieg ins Berufsleben schwer. Gelandet bin ich nach drei Tagen noch nicht 😉

      Beste Grüße
      Sebastian

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