Ein Lauf im Februar

Grau scheint heute die bestimmende Farbe zu sein und leider auch zu bleiben. Seit heute Morgen warte ich darauf, dass es ein wenig freundlicher wird. Mittlerweile ist es Nachmittag und so langsam sollte ich mal los. Ein Blick aufs Thermometer offenbart nicht wirklich kalte 5 Grad. Was anziehen? Ich habe mich diese Woche schon einmal verschätzt, habe mich von ein paar Sonnenstrahlen verleiten lassen und dann gefroren.

Die ersten Schritte durch den Ort offenbaren, was Schnee und Frost seit Jahresbeginn verdeckt und konserviert haben. Tonnenweise Rollsplitt, letzte Reste des Sylvesterfeuerwerks, weggeworfenen Müll und – mein ganz persönlicher Favorit – haufenweise Exkremente von Lieschen Müllers und Wastl Schmidts schwanzwedelndem Liebling…

 

Nein, ich habe nichts gegen eure Haustiere. Ich kann sowohl Hunde als auch Katzen leiden, aber manchmal habe ich in letzter Zeit einfach das Gefühl, dass es etwas überhand nimmt mit der Tierliebe.

Ohne Hund gehörst du heute schon fast zu einer Minderheit und wohin dieses immer mehr auch führt, offenbart sich mir gerade im wahrsten Wortsinn gehäuft.

Warum braucht heute eigentlich jeder einen Hund? Liegt es daran, dass lieber elektronisch kommuniziert wird als echt und wir dadurch vielleicht nur noch bei Hunden Verständnis und Liebe finden?

Ich laufe weiter leicht genervt über knirschenden Rollsplitt, vorbei an Bonbonpapieren und Schokoriegelverpackungen und denke über Kommunikation und die seltsamen Blüten unserer Zeit nach. Vor meinem geistigen Auge erscheint Tweety, das kleine Trickfilmvögelchen und ich frage mich, ob Donald Trump auch einen Hund hat.

Der Feldweg auf den letzten Metern zum Wald ist matschig und lässt nichts Gutes ahnen. Dort angekommen habe ich schließlich die Wahl zwischen Matsch oder zu Eis komprimierten Schneeresten. Ich probiere beides.

Mit dem seit Anfang Januar dominierenden Schnee im Wald bin ich dank meiner Sole-Runner-Laufschuhe dieses Jahr in idealer Weise gerüstet gewesen. Die profillose Sohle mit dem nur leicht angerauhtem Gummi hat sich auf allen festen Belägen bewährt und sucht in Sachen Rutschfestigkeit wirklich ihres gleichen.

Leider habe ich mit den Sole-Runners Mitte der Woche einen spitzen Stein erwischt und dagegen bieten sie dafür nur wenig Schutz. Die zurückgebliebene Druckstelle am rechten Außenrist hat mich heute einen leicht gedämpften und profilierten Trailschuh wählen lassen, mit dem ich mich jetzt in einem wahren Eiertanz über die eisigen Passagen quäle.

Und von denen dachte ich früher, dass sie ganz guten Grip böten. Die Perspektiven verschieben sich – immer wieder.

Ich mag den Winter, aber jetzt gerade habe ich ihn satt. Es geht nur zäh voran. Zum Glück habe ich wenigstens die Weste noch angezogen, ziemlich kalt ist es jetzt. Weiter geht es jetzt auf weichem, tief durchnässten Untergrund. Nasse Füße jetzt also auch noch. Und erst 3 Kilometer gelaufen.

Endlich gleiten meine Gedanken etwas ab vom Elend dieses grauen Februartages und ich laufe eine zeitlang nur noch nebenbei.

Was für eine verrückte Welt wir momentan erleben. Kein Tag, an dem man sich nicht fassungslos kopfschüttelnd fragt, ob das alles wirklich wahr sein kann, und wohin das führen wird.

Plötzlich melden meine Füße Kontrollverlust und ehe ich mich versehe, bin ich mitten drin im Schlamassel. In Gedanken verloren, habe ich die meterlange, geschlossene Eisdecke übersehen, die den Weg vor mir bedeckt, und bin schon mittendrin.

Meine Füße sind schulterbreit versetzt auf dem Eis erstarrt, und mit meinen Armen wie Tragflächen zur Seite stehend rutsche, nein fliege ich den leicht abschüssigen Weg entlang – bis mir nach gefühlten fünf Metern ein tellergroßer brauner Fleck zu meiner rechten die nötige Absprungstelle für eine Rettung an den Wegesrand bietet.

Wow! Was war das denn jetzt?

Vollgepumpt mit Adrenalin geht es weiter. „Da hast Du jetzt aber Glück gehabt! Geile Rettungs-Aktion!“ geht es mir durch den Kopf und ein zufriedenes Lächeln umspielt dabei sicherlich meine Gesichtszüge.

Da vorne kommt die erste von zwei Kurven, die mich wieder nach Hause führen soll und kaum dort angekommen bricht die Sohne durch die Wolken und scheint mir ins Gesicht. Sofort spüre ich wie mich ihre Wärme erreicht, ihr Licht erfreut. Einfach nur schön. Nein, das ist keine Wintersonne mehr, da steckt viel mehr Kraft dahinter.

Jetzt höre ich auch die Vögel, die mit ihren vielfältigen Stimmen den Frühling einladen. Das klingt so gar nicht mehr nach Winter, nein, das ist die beginnende Melodie des Frühlings.

Und so laufe ich beschwingt dahin und erfasse ganz nebenbei lächelnd, dass ich auch nicht mehr alleine unterwegs bin.

Mein Schatten hat sich zu mir gesellt und läuft als treuer Begleiter mal neben, mal vor mir her, immer noch ein wenig beschwingter und lockerer als ich.

Ja, der Februar kann schön sein. Er bietet neben dreckigen Wegrändern, Matsch, Tauwetter und Grippewelle nämlich eine Perspektive. Auf längere Tage, auf mehr Sonne und das Wissen, dass der Winter bald vorbei ist.

Und wer weiß, vielleicht erledigt sich auch manch andere düstere Aussicht so einfach und unausweichlich wie die Stimmung bei meinem heutigen Februarlauf. Ich bin ganz weit offen dafür.

12 Gedanken zu „Ein Lauf im Februar“

  1. Lieber Sebastian,

    manchmal scheint ein kleiner Impuls die Sichtweise zu verändern, bei Deinem Lauf war es die durchbrechende Sonne, genau das ist es, was häufig hilft….einfach mal den Standpunkt etwas verschieben 🙂
    Ich würde mich ebenfalls sehr freuen, wenn Dein letzter Absatz so eintreffen würde, v.a. hinsichtlich des Demokratie auflösenden Erregers, der weltweit grassiert. Aber ich denke, es wird eine Hoffnung bleiben, die sich nicht erfüllt…

    So, ich werde jetzt dem Sonnenaufgang entgegen spazieren, denn an laufen ist leider (noch?) nicht zu denken…

    Salut

    1. Lieber Christian,

      Im Grunde ist es das, was ich mit dem Beitrag auch aussagen wollte. Der Schalter viel um und aus genervt wurde entspannt. Leider ist der Schalter manchmal nicht gleich zu finden bzw. betätigt sich nicht immer von selbst – gestern tat er das.

      In Bezug auf die Eingrenzung des Demokratie-zersetzenden Erregers bin ich wohl etwas optimistischer als Du. Ich glaube, wir erleben gerade eine Gegenbewegung gegen die immer schneller voranschreitende Entwicklung, die viele Menschen überfordert, im Grunde aber nicht aufzuhalten ist. Ich hoffe nur, das diese Gegenbewegung eines Tages mit friedlichen Mitteln zu Ende geht.

      Das mit Deiner Achillessehne ist natürlich ärgerlich, aber Du weißt ja selbst, dass es ganz normal ist, dass die lange braucht um zu genesen. Ich hatte das bei aller Vorsicht auch schon zweimal. Einmal Überlastungs- und einmal Antibiotikabedingt. Dein Morgenspaziergang war sicher toll!

      Beste Grüße
      Sebastian

  2. Mein lieber Sebastian, es fängt wenig erfreulich an, endet einigermaßen nett für dich – alles in allem, könnte mehr Positives in diesem Post zu lesen sein. Gut, dass du deinen Schatten hast, auf ihn ist Verlass, ist stets treu neben, vor oder hinter dir , kann alles nur noch besser werden. Sag‘ einer, Laufen würde die Stimmung nicht verbessern.

    Bald kommt der Frühling, mal sehen, was du dann zu berichten haben wirst, wir sind beide zuversichtlich – du und ich sowieso ! 😉

    1. Liebe Margitta,

      Kommt das echt so negativ rüber? War nicht die Absicht und so mies war ich auch zu Laufbeginn gar nicht drauf, ein bisserl granteln muss schon auch mal sein 😉

      Wollte eigentlich den Stimmungsumschwung in den Vordergrund stellen, ist mir offenbar nicht so gut geglückt.

      Ich war heute 70km Rennradfahren bei herrlichem Sonnenschein. Schön wars 🙂

      Liebe Grüße
      Sebastian

  3. Lieber Sebastian,

    Deine Gedanken kommen mir irgendwie sehr bekannt vor, decken sich zu einem Großteil mit meinen. Wenn dann auch noch das Wetter grau ist und der Winter kein Ende zu nehmen scheint, gibt das einem scheinbar den Rest.

    Und dann kommt einwenig Sonne und die Stimmung dreht sich ins Positive. Manchmal braucht es gar nicht viel und die Welt ist zumindestens für den Augenblick wieder in Ordnung.

    Bei Dir schlugen dann heute auch noch 70 sonnige Rennradkilometer zu Buche, bei mir waren es gute 21 km im Novembergrau. Das Leben ist so ungerecht! 😉

    Aber der Frühling kommt und hoffen wir, dass das nicht die einzige positive Nachricht in der nahen Zukunft sein wird.

    LG Volker

  4. Lieber Volker,

    Da hast Du wieder klar mehr geleistet als ich mit deinem 21 grau kalten Kilometern. Ich bin mir aber nicht sicher, dass wir im Süden in den vergangenen Monaten wirklich privilegiert waren. Ich habe das eher andersrum in Erinnerung aus deinen und Margittas Blogbeiträgen von ganz oben 🙂

    Heute ist es nicht mehr ganz so dolle, gutes Laufwetter eben!

    Und zum Rest? Abwarten und das Beste hoffen. Ich glaube fest an die Überlegenheit der Fakten. Auf Dauer lässt sich die Mehrheit nicht für dumm verkaufen.

    Beste Grüße
    Sebastian

  5. Lieber Sebastian, da oben könnte auch „Laufgedanken“ stehen vermute ich. Was einem so durch den Kopf geht während der Körper seinen Rhythmus findet, mir kommt das bekannt vor. Besonders an grauen, nassen Tagen sind auch die Gedanken erstmal grau. Aber mit jedem Kilometer werden sie bunter. Ich hab schon oft überlegt mal runterzuschreiben was mir so im Kopf rumgeht, besonders bei längeren Läufen, hab ich nie gemacht, vergesse auch schnell wieder den Großteil. Aber in etwa würde das wahrscheinlich so aussehen wie Dein Bericht.
    Und demnächst ist der Winter vorbei und dann denken wir an die grauen Tage zurück und freuen uns dass wir trotzdem draussen waren 🙂
    Liebe Grüße, Oliver

    1. Hallo Oliver,

      Da sagst du Wahres, im Grunde besteht ja der ganze Blog hier nur aus Laufgedanken – mit wenigen Ausnahmen.

      Man müsste mit Diktiergerät laufen, dann würde ich vielleicht auch mal wieder mehr als meinen einen Beitrag pro Monat zu Wege bringen.

      Aber reicht ja irgendwie auch 😉

      Beste Grüße
      Sebastian

  6. Lieber Sebastian,

    laufen hilft, das zeigt auch wieder Dein Beitrag. Und wenn dann noch ein bisschen Sonne hinzukommt, machen die schweren Gedanken Pause.

    Aber wir können nicht innerlich die ganze Zeit mit dem Kopf schütteln. Ein mentales Schütteltrauma wäre die Folge. Für die Therapie dagegen bräuchten wir dann mehr als eine psychologische Halskrause.

    Durchschnaufen, laufen und die Gedanken vereinfachen. Das tut gut.

    Ich ziehe übrigens mit meinem Blog um. Wenn Du mich mal wieder besuchen willst, geht das ab 1. März nur noch unter https://midlaufcrisis.wordpress.com

    Ist noch etwas im Rohzustand, aber daran werde ich noch feilen.

    Viele Grüße
    Rainer 😎
    Ist noch ein

    1. Hallo Rainer,

      sehr schönes Bild, das mentale Schütteltrauma 🙂 und Du hast natürlich recht. Lass uns nach vorne schauen, laufen und ein bisschen weniger den Kopf schütteln. Dann haben wir auch noch genug Energie, wenn es darauf ankommt, gestrigen Strömungen entgegen zu treten.

      Ich hatte deinen Blog in der Tat etwas aus dem Auge verloren, aber das gilt zur Zeit für fast alle. Tanze gerade auf vielen Hochzeiten und alle sind toll und machen Spaß. Könnte also schlimmer sein. Danke für den link, dem ich die nächsten Tage sicher noch folgen werde 🙂

      Beste Grüße
      Sebastian

  7. Lieber Sebastian,

    als Hundebesitzer kann ich mich nur dafür schämen, was meinesgleichen der Welt antun, wenn sie die Häufchen ihrer Lieben einfach liegen lassen. Das ist ebenso unnötig wie unverschämt, vor allem seitdem es einem die Gemeinden mit den allerorten aufgestellten Tütenspendern wirklich leicht machen.
    Auf der anderen Seite steht die Freude, mit einem ganz anderen Lebewesen eine enge Beziehung einzugehen, die nicht selbstverständlich automatisch gelingt, mir aber immer wieder zeigt, dass nicht nur in uns Menschen ein warmes, liebendes Herz schlägt, sondern in jeder Kreatur.
    Aber jetzt zu deinem Lauf: ich mag solche Stories, die mit Stress und Unmut beginnen und sich dann – unerwartet und damit auch nicht mit Geld käuflich – zum Guten wenden. So wünsche ich mir das auch in der Politik, und so wird es auch kommen; ich hoffe nur, dass es aus Vernuft geschieht und nicht wieder ein großer und schmerzhafter Zusammenbruch die Menschen zu der Erkenntnis bringt, dass Liebe stärker ist als Gewalt und Hass.

    Liebe Grüße
    Wolfgang

    1. Lieber Wolfgang,

      In deinem letzten Wunsch sind wir mal wieder vereint 🙂 und wie Du sicher schon gemerkt hast, mag ich solche Geschichten mit Wendung oder Stimmungswechsel eben auch, deshalb wird das hier dann auch hin und wieder zum Thema.

      Ich wünsche Dir weiterhin viel Spaß mit deinem süßen Vierbeiner und ich kann mir das selbst schön vorstellen, gerade beim Laufen. Mir fällt einfach nur auf, dass es immer mehr werden 😉

      Liebe Grüße
      Sebastian

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