Der Läufer und die Energie

Über den individuellen Energielevel und das Laufen

Die Tage sind selten geworden, an denen ich mich zum Laufen aufraffen muss. Aber es gibt sie noch. Gestern war so ein Tag.

Ich fühlte mich ohne ersichtlichen Grund schlapp und ausgelaugt. Die Arbeit hatte schon keinen Spaß gemacht, ich war ungeduldig und selbst meinem kleinen Sohn entging meine mäßige Laune nicht.

Als ich gegen Abend dann hätte Laufen gehen können – keine Energie mehr…

Die Null Energie Tage

Wenn man an Tagen, an denen einem das loslaufen schwer fällt, wenigstens Energie für die entspannenden Alternativen, wie z.B. Schreiben oder Lesen hätte, dann wäre wirklich alles prima.

Das Problem an diesen Tagen ist aber, dass – jedenfalls bei mir – „null Bock“ auf Laufen gleich zu setzen ist mit „null Bock“ auf alles.

Meist gipfelt das an solchen Tagen dann darin, dass ich statt laufend eine Menge Energie zu verbrauchen, jede Menge Energie in Form von zweifelhaften Nahrungsmitteln in mich hineinschütte.

Das macht mich dann nur noch unzufriedener. Da ist er dann, des Teufels viel zitierter Kreislauf.

Zum Glück sind solche Tage wirklich selten. Und gewichtsmäßig kann ich die dann auch vertragen.

Das Energieniveau beim Läufer

Mein Energielevel ist grundsätzlich schon ganz ordentlich. Ich schaffe zusammen mit meiner Frau, dass wir beide Familie und anspruchsvolle Berufe unter einen Hut bringen. Trotzdem verbringen wir auch beide viel Zeit mit unserem Sohn. Ich gehe fünfmal die Woche – meist spät abends – laufen und selbst zum Schreiben dieses Blogs bleibt noch ein wenig Energie übrig.

Ich betrachte mein Energielevel summa summarum als durchaus überdurchschnittlich.

Apropos Energielevel, was meine ich damit eigentlich?

Ich bin im Laufe meines Lebens zu der Überzeugung gelangt, dass einem von Geburt an im Durchschnitt ein gewisses Maß an Energie zur Verfügung steht, unabhängig davon, was man selbst daraus macht, wie man sich ernährt und von anderen externen Faktoren.

Diese Energie scheint bei manchen schier unerschöpflich zu sein. Diese beneidenswerten Mitmenschen haben z.B. fünf Kinder sowie einen oder gleich mehrere anspruchsvolle Jobs. Sie engagieren sich ehrenamtlich im Verein, im Kindergarten und der Schule. Von Stress hört man sie dafür nie reden. Von diesen Powermenschen kennt wahrscheinlich fast jeder mindestens einen.

Natürlich gibt es auch das Gegenteil, wahrscheinlich sogar wesentlich öfter. Sind immer gestresst und man fragt sich, warum? Bewältigen sie doch auch nur einen ganz normalen Alltag.

Meiner Meinung nach kann man beide Extreme schon bei Kleinkindern beobachten. Da gibt es die, die nur im Laufschritt unterwegs sind und die, die scheinbar immer müde sind und dabei schauen wie drei Tage Regenwetter.

Solch grundsätzliche Unterschiede schon im Kindesalter können aus meiner Sicht nur auf eine genetische Veranlagung zurückzuführen sein. Ein Großteil unseres zur Verfügung stehenden Energielevels scheint also angeboren zu sein.

Auswirkung des Laufens auf den Energielevel

Natürlich bin ich voreingenommen, aber bei Läufern beobachte ich – wie sollte es anders sein – ein überdurchschnittliches Maß an Energie.

„Spannend ist für mich bei Läufern deswegen die Frage, was zuerst da war, die Henne oder das Ei? Das Laufen oder die Energie?“

So sehr ich an die genetische Veranlagung glaube, so sehr glaube ich aus eigener Erfahrung sagen zu können, dass bei den meisten Läufern beides der Fall ist. Das heißt, dass Läufer meist sowohl eine entsprechende Veranlagung haben als auch durch das Laufen an sich noch Energie gewinnen.

Die angeborene Komponente ich gewichtiger ein als die Energie, die ich durch das Laufen an sich gewinnen kann. Aber nur letzteres kann ich mir zu Nutzen machen. Und darauf kommt es an.

Extremläufer und die Energie

Ultraläufer müssten sich demnach durch ein besonders hohes Energieniveau auszeichnen und dieses durch ihre Tätigkeit sogar noch ausbauen.

Der amerikanische Ultraläufer Dean Karnazes beschreibt den Energielevel der Weggefährten in seinem oft zitierten Werk „Ultramarathon Man“ dann auch wie folgt:

„Sie alle haben ein inneres Feuer, das ungeheuer stark brennt – aus dem einen oder anderen Grund.“

Und später:

„die Menge (strahlte) eine Energie ab, die buchstäblich wie Elektronen von den Wänden reflektiert wurde.“

Noch Fragen?

Laufen als Energievernichtung?

Wenn man sich vorstellt, wie viel Energie ein Läufer allein im Training verbrennt. Ohne Absicht, dass er dadurch zielgerichtet von Punkt A nach Punkt B gelangt. Das Laufen als reinen Selbstzweck bzw. pures Training. Dann kann man diesbezüglich schon mal kurz ins Grübeln kommen.

Wie viele ambitionierte Läufer laufen jede Woche mehr als 100km im Training ziellos durch die Gegend – manche davon auf einer Tartanbahn, immer nur im Kreis.

Nur um die dabei verbrannte Energie wieder zuzuführen, müssen sie je nach körperlicher Verfassung mindestens 5000 kcal Nahrung zu sich nehmen. Das entspricht etwa 10 Tafeln Schokolade. Soviel Energie steht manchen Menschen pro Woche insgesamt nicht zur Verfügung.

Praktisch ist daran für die meisten Läufer zweifellos, dass man einen großen Teil davon aufgrund der bei uns im Überfluss vorhandenen Lebensmittel sowieso essen würde. Und so nimmt man wenigstens nicht zu dabei.

Kürzlich habe ich eine Reportage gesehen, die sich damit auseinandersetzte, wie man die ganze Energie, die alltäglich „nutzlos“ in Fitnessstudios verbrannt wird, anderweitig nutzen könnte, als sie als ungenutzte Wärme verpuffen zu lassen.

Die Frage stellte sich umso mehr, da in Fitnessstudios sogar noch externe Energie in Form von Strom für Laufbänder, Klimatisierung usw. eingesetzt werden muss, damit die Sportler ihre Energie überhaupt verbrennen können.

Ich sehe schon die Schlagzeile vor dem geistigen Auge: „Läufer befeuern die Klimaerwärmung!“

Und schon würden ein paar weniger energiegeladene Mitmenschen auf ihrer Couch kurzzeitig vor Freude platzen… (also Energie gewinnen).

Zum Glück waren in besagter Reportage auch ein paar interessante Ansätze zur zukünftigen Energieverwertung in Sportstudios dabei. Sie sind derzeit nur leider noch nicht kosteneffizient, aber das wird sich ändern.

Das Laufen als Energiequelle

Aber zurück zum Ausgangspunkt. Mein gestriger Tag endete zum Glück doch noch positiv und energiegeladen.

Wie es dazu kam?

Das dürfte sich vielleicht schon selbst geklärt haben. Ich habe mich schließlich doch noch aufgemacht und bin einfach ein knappes Stündchen locker laufen gegangen. Meine Frau musste bei meiner Rückkehr sichtbar schmunzeln.

„Es war wohl einfach offensichtlich, dass der Tag jetzt ein besserer war.“

Wer jetzt einwendet, dass der letzte Teil der Beschreibung auch aus einer Fallstudie zum Thema „Suchtpotential Laufen“ stammen könnte…

Das soll ein anderes Mal das Thema sein.

Fazit

Unter uns Läufern finden sich sicher ausgesprochen viele energiegeladene Menschen.

Und zum Marathon- oder gar Ultraläufer werden dabei wahrscheinlich eher Menschen, die von Natur aus schon mit einem hohen Energieniveau ausgestattet sind.

Unabhängig davon hilft uns das Laufen aber auch beim Tanken neuer, positiver Energie.

Man muss lediglich die Energie aufbringen, die nötig ist, die Eintrittsschwelle zum Laufen zu überschreiten.

Und das ist auch für die von uns möglich, die von Natur aus mit etwas weniger Power ausgestattet wurden.

Ist man erst einmal mittendrin, dann erfordert es nur noch an sehr wenigen Tagen Überwindung, sich aus einem temporären Motivationsloch zu ziehen.

Und für heute war der Ruhetag schon vorher eingeplant.

4 thoughts on “Der Läufer und die Energie”

  1. Lieber Sebastian,

    ach ja, die Sache mit dem Energiepotential – da stimme ich dir voll zu – jeder Mensch bekommt seine Portion in die Wiege gelegt, und wenn sie verbraucht ist, gibt es keinen Nachschub mehr !

    Die Verteilung auf Familie, Beruf und Sport habe ich bereits mit Erfolg hinter mich gebracht, auch hier waren mir – wie dir- O-Bock-Phasen durchaus bekannt. Wenn man spätabends nach getaner Arbeit sich – besonders im Winter – aufraffen muss, aber genau weiß, wie gut es einem tut. Dafür hatte ich damals Trick 17, ein Freund, mit dem ich mich immer verabredete. Beide wussten, dass der andere auf den anderen wartet, keiner von uns beiden wollte sich die Blöße geben, abzusagen. So trafen wir uns, gestanden uns beide Unlust, spulten im Stockdunklen unsere Kilometer ab waren total froh, dass wir einander hatten – läuferisch natürlich nur !! Das Wichtigste jedoch – wir sind gelaufen, obwohl uns beiden nicht danach war ! YES !!

    Was meine anscheinend grenzenlose Energie betrifft, so habe ich auch jetzt nach vielen Jahren noch eine Riesenportion zur Verfügung, weiß gar nicht, wohin damit, hat sich ein wenig angestaut in den letzten Monaten aus bekannten Gründen, dafür kann ich jetzt wieder ordentlich Dampf ablassen !!

    Alles in allem kann ich dem Laufen nur Positives abgewinnen, solange man es in vernünftigen Rahmen betreibt, wie alles im Leben – und was es bewirken kann, das wissen die meisten, die laufen.

    Gut, dass du doch noch gelaufen bist
    es lohnt sich immer
    das gute Gefühl danach nimmt uns keiner
    das Gute daran
    auch unsere Mitmenschen profitieren davon

    YES !!

    In diesem Sinne, ich freue mich schon auf morgen !

    1. Liebe Margitta,

      Mich freut besonders, dass Du dich jetzt wieder richtig austoben kannst. Das hilft nämlich auch anderen.

      Einen Aspekt hatte ich nämlich ganz vergessen, den gerade Du mir vor Augen führst. Ein energiegeladener Mensch kann sich so positiv auf sein Umfeld auswirken und andere mit seiner Energie mitreißen.

      In diesem Sinne, Steck uns andere bitte weiter an 🙂

      Gruß Sebastian

  2. Servus Sebastian,

    als SchonImmer-Morgenläufer finde ich mich unter der Überschrift „Das Laufen als Energiequelle“ am ehesten wieder.
    Laufen am Morgen gibt allerdings nicht diese Art Energie, die einen durch den Tag rauschen lässt wie eine Rakete.

    Es ist eher die Energie der Ruhe. Stress verfliegt und jede Handlung wird klarer und damit auch konzentrierter und schneller.

    Also in seinem Ergebnis ist es durchaus Energie!
    Halt eine ganz leise …

    Viele Grüße,
    Hans

    1. Hallo Hans,

      mit morgendlichen Läufen kann ich mich leider nicht recht anfreunden. Es hat einfach jeder seinen eigenen Biorythmus 😉
      Dein Ergebnis teile ich – auch ich suche eher die Energie der Ruhe, und auch mir hilft das Laufen dabei.

      Beste Grüße von nördlich des Forstes 😉
      Sebastian

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