Gedanken zu Mut und Freiheit

Mein letzter Beitrag im Jahr 2016 soll ein schlichtes Plädoyer für Mut und Freiheit sein.

Für das kommende Jahr wünsche ich uns und allen sonst so vernünftigen Mitmenschen mehr Mut. Ich bin überzeugt, wir brauchen das jetzt…

 

Das letzte Mal mutig im Sinne der hier üblicherweise thematisierten Lauferlebnisse und Gedanken war ich wahrscheinlich bei meiner Anmeldung zur Ulmer Laufnacht über 100 Kilometer. Mutig und ein wenig unvernünftig.

Mut oder Unvernunft

Mut scheint in der zivilisierten Welt nicht mehr besonders wichtig zu sein, zumindest zum Überleben nicht. Man unterstellt den Mutigen heute eher Unvernunft als dass man Ihnen Respekt zollt. Als Vernunftmensch reihe ich mich da ohne Zögern und schuldbewusst mit ein.

Die Ausnahme bilden ausgerechnet sportliche Grenzgänger, denen man wohl ganz objektiv Unvernunft unterstellen könnte, die uns aber nach wie vor begeistern. Und als Inspiration für uns vernünftige Zeitgenossen sind sie auch wichtig. Noch mehr natürlich für die Marketingexperten, die uns mit ihrer Hilfe gerne etwas verkaufen möchten. Vielleicht erklärt das auch die große Akzeptanz der Extremsportindustrie.

Mir geht es heute aber gar nicht um die wenigen Extremsportler, sondern mehr um Dich und mich, egal ob Genuss- oder wettkampforientiertem Läufer, Ultraläufer oder gar keinem Läufer.

Mir geht es um den Mut im Alltag, im Freundeskreis, in der Öffentlichkeit und meinetwegen auch bei der Anmeldung zum nächsten Laufabenteuer.

Mir geht es darum, dass man heute gerne Unvernunft unterstellt, wo entweder

  • die eigene Wagnisbereitschaft endet,

oder

  • der persönliche Nutzen des Mutigen nicht erkennbar ist.

Ersteres ist verständlich und aus meiner Sicht auch leicht entschuldbar, letzteres hingegen scheint mir einem Zeitgeist zu entsprechen, den ich einigermaßen dramatisch finde, dem Egoismus.

Mit anderen Worten, wir fragen uns wie selbstverständlich:

Warum macht jemand etwas, das ihm persönlich nicht mal nützt (zumindest materiell), sondern ihm sogar schaden kann?

Das ist gegenwärtig wohl als unvernünftig einzustufen.

Angst

Wer Mut sagt, kann Angst nicht ausblenden. Angst ist wichtig. Ohne Angst gäbe es die Menschheit längst nicht mehr. Sie ist ein lebenserhaltender Instinkt.

Ich frage mich jedoch, ob dieser bei uns heute noch so funktioniert, wie er sollte. Nein, ich bin mir sicher, dass er das nicht mehr tut. Aber warum?

Nein, ich bin kein Verhaltensforscher und möchte das auch gar nicht tiefgründig erforschen. Ich weiß nur, dass es einem gerade wirklich schwergemacht wird, keine Angst zu haben.

Und das obwohl wir so sicher leben wie nie zuvor.

Aber:

Gewitter heißen heute Unwetter. Kein Winter beginnt ohne Grippewelle und Noro-Viren-Alarm. Kein Sommer ohne Hitzewelle. Und dann sind da noch all die Fremden, mit denen die Mehrheit von uns zwar keinen Kontakt hat, aber von denen wir täglich als potentielle Gefährder hören. Und das sind sie im Einzelfall natürlich auch.

Wer jetzt noch keine Angst hat, der sollte mal ein paar seiner Beschwerden als Symptome bei Google eingeben.

„Es gibt unzählige Möglichkeiten unerwartet zu versterben. Die Wahrscheinlichkeit dafür war nie geringer, deren Präsenz aber nie größer.“

Angst kann so gefährlich sein

Wie gefährlich zu viel Angst sein kann, das zeigt sich gerade in den gesellschaftlichen Veränderungen, die hierzulande bis jetzt zum Glück noch in einem vergleichsweise erträglichen Ausmaß stattfinden. Dennoch setzen Menschen in der verständlichen Hoffnung auf eine Verbesserung ihrer Lebenssituation oder aus Angst vor Überfremdung in bis jetzt für unmöglich gehaltener Zahl wieder auf selbsternannte starke Männer und auf markige Sprüche statt auf Kompetenz. Auf offensichtlich leere Versprechungen. Auf nationale Lösungen. Sie propagieren Abschottung statt den Ausbau der Weltgemeinschaft.

Dabei lassen sich die wirklichen Bedrohungen nur noch weltweit lösen.

Auch hierzulande liebäugeln immer mehr verängstigte Menschen damit, die über Generationen mühsam aufgebaute Freiheit in einem Wimpernschlag zu opfern, um eine vermeintliche Sicherheit zu bekommen, die es erstens nicht gibt und die zweitens niemand braucht.

Dass so etwas möglich ist, hatte ich schon gelegentlich mal befürchtet, aber dass es so schnell und so umfassend geschieht, das schockiert mich zunehmend.

Jedes Kind sollte doch schon aus dem eigenen Erfahrungsschatze wissen:

Wer Angst hat, hört Geräusche, die es nicht gibt. Wer Angst hat, bezieht Dinge auf sich, die einen gar nicht betreffen. Und wer zu viel Angst hat, der verpasst das Leben.

Mut zur Freiheit

Freiheit geht stets zu Lasten der Sicherheit und umgekehrt. Das scheint derzeit vielen Menschen nicht mehr bewusst zu sein. Oder sie wissen den Wert der Freiheit nicht mehr zu schätzen.

Als Läufer bin ich naturgemäß ein freiheitsliebender Mensch. Diese Freiheit ist nicht selbstverständlich. Man muss sie sich erarbeiten, indem man zumindest in Teilbereichen auf Sicherheit verzichtet. Der Wettstreit zwischen Freiheitsliebe und Sicherheitsdenken zieht sich natürlich auch durch mein Leben. Vielleicht geht es dem ein oder anderen von Euch auch so.

Heute ist mir der hohe Wert der Freiheit wieder sehr präsent. Nicht im Sinne der jugendlichen Freiheit, tun und lassen zu können, was man will. Sondern im besonderen Maße darin, mich nicht manipulieren und mich durch Ängste beherrschen zu lassen.

Lasst uns also mutig sein.

„Lasst uns die Freiheit nicht nur beim Laufen genießen und sie nicht nur verteidigen, wenn es ums Laufen geht.“

Wer sollte ein besserer Botschafter für Freiheitsliebe und Mut sein, als ein Langstreckenläufer.

Kommt gut rüber ins neue Jahr und Danke für Eure Treue!

12 Gedanken zu „Gedanken zu Mut und Freiheit“

  1. Lieber Sebastian,

    welch wundervoller Rundumschlag zur aktuellen politischen Situation! Ich kann mich dem nur anschließen. Auch ich hatte bestimmte Errungenschaften (Demokratie, Toleranz, Gleichberechtigung, Meinunsgfreiheit etc.) für unumkehrbar gehalten, gerade so wie man eine Erfindung nicht mehr unerfunden machen kann. Weit gefehlt!

    Andererseits nimmt die Zahl derer zu, die nicht tatenlos zusehen wollen, wie wichtige soziale Errungenschaften von Populisten und ihren blinden Gefolgsleuten zerstört werden. Es hat lange gedauert, vielleicht zu lange, bis das sichtbar wurde. Vielleicht waren wir auch alle einfach nur geblendet von den Wundern der digitalen Medienwelt.

    Ich schließe mich deinem Aufruf nach mehr Mut an. Und ich freue mich, dass wir mehr werden.

    Auf ein gutes Jahr 2017, egal was passieren wird!

    Liebe Grüße
    Wolfgang

    1. Lieber Wolfgang,

      Deiner Zustimmung war ich gewiß, dazu kenne ich Dich mittlerweile gut genug. Es stimmt mich froh, dass Du eine wachsende Zahl derer wahrnimmst, die die Freiheiten und Errungenschaften unserer Gesellschaft nicht zu opfern bereit sind. Auch ich nehme das wahr und hoffe, dass dies erst der Anfang ist und nicht auf unser Land beschränkt bleibt.

      Ich musste das heute auch an dieser Stelle einfach mal loswerden.

      Beste Grüße
      Sebastian

  2. Lieber Sebastian,
    viele von denen, die nach Abschottung und Sicherheit verlangen, haben vor 27 Jahren um Freiheit gefleht und glücklicherweise haben sie sie erhalten. Doch jetzt schüren einzelne die Angst um Menschen dazu zu bringen durch ein Übermaß an Angst wieder mehr Sicherheit zu wollen…absurd!
    Vielen Dank für Deine Worte, sie bringen es auf den Punkt und ich denke, dass immer noch genügend Menschen den Mut aufbringen für die Freiheit einzustehen und die Populisten zu entlarven.

    Salut und möge 2017 wieder die guten Seiten der Demokratie an die Oberfläche bringen

    1. Lieber Christian,

      Du hast Recht, das ist wirklich absurd, und wahr ist es trotzdem. Aber es ist auch dort keine Mehrheit und das lässt hoffen. Und auch Deine Zuversicht teile ich durchaus.

      Dennoch darf man nicht untätig darauf bauen, dass sich die Mehrheit, wenn es darauf ankommt, schon richtig und mutig verhält. Das hat die Geschichte gezeigt. Und noch mehr hat sie gezeigt: Man muss die Aussagen der Verführer ernst nehmen, ob sie Donald Trump heißen oder Hänschen Hetzer. Man kann sich mitnichten darauf verlassen, dass die spätere Verantwortung des Amtes schon für Mäßigung sorgen wird.

      Ich möchte mich Deinen Wünschen gerne anschließen. Und im nächsten Beitrag geht es dann hoffentlich wieder übers Laufen an sich.

      Beste Grüße
      Sebastian

  3. Lieber Sebastian,

    Christian hat es bereits geschrieben: Deine Worte bringen es auf den Punkt und greifen genau das auf, was auch mich umtreibt und sorgt.

    Auch Dein Fazit kann ich nur unterschreiben. Es wird bitter nötig sein die Fahnen diesbezüglich hochzuhalten und ich hoffe inständig, dass die Mehrheit unserer Gesellschaft das so sieht und den brachial schnellen, negativen Veränderungen entgegensteht.

    In diesem Sinne wünsche ich Dir ein gutes 2017

    Volker

    1. Lieber Volker,

      Danke. Es freut mich sehr, dass Du Dich in meinem Beitrag wieder findest. Du wirst Deinen Beitrag jedenfalls leisten, da bin ich ganz sicher, sei es laufend und/oder schreibend 🙂

      Beste Grüße
      Sebastian

  4. Lieber Sebastian,

    dann reihe ich mich hier ein, natürlich bin ich bei dir und bei denen, die dir zustimmen, und wir sind zum Glück nicht die einzigen ! Bin fast täglich dabei, wenn auch im Kleinen, nicht das Fähnchen nach dem Wind zu drehen.

    Pass gut auf dich auf – packen wir es an jetzt und vor allem im neuen Jahr ! 😎

  5. Liebe Margitta,

    Das täglich im Kleinen ist ja genau das, was wir tun können und müssen. Du gehörst zu denen, die den Kontakt zu Flüchtlingen und Bedürftigen suchen und hast mehrmals sehr lesenswert darüber berichtet. Unvergessen für mich die Geschichte mit dem verprügelten Rollstuhlfahrer. Dieses Engagement – von dem ich selbst noch weit entfernt bin – ist das, was das Zusammenleben leichter und erstrebenswert macht.

    Beste Grüße
    Sebastian

  6. Lieber Sebastian, ein wirklich in das vergangene Jahr passendes Plädoyer der Vernunft, danke dafür. Wer laut brüllt, hat nicht zwangsläufig Recht. Und leider wird fast nur noch herumgebrüllt. Ich bin nach wie vor großer Optimist und überzeugt davon dass die Brüller eine Minderheit sind, sie sind nur leider besser zu hören. Die vielen kleinen Engagements der ruhigen Mehrheit bekommt niemand mit, sowas lässt sich auch schlecht als Sau durch die digitalen Dörfer treiben. Trotzdem finden sie statt, jeden Tag und überall.
    Dein Fazit erweitere ich mal: Lasst uns also mutig sein und mutig bleiben.
    Meine Freiheit ist mir einiges wert und mein Engagement wird sich eher erhöhen. Einem Brüller geht irgendwann die Luft aus, wir Läufer haben dagegen gute Ausdauer und einen gesunden Puls. Lasst uns diese guten Voraussetzungen nutzen.
    Ich wünsche Dir ein tolles neues Jahr, beste Grüße, Oliver

    1. Lieber Oliver,

      Sehr treffend Deine Erweiterung, und wirklich naheliegend. Wenn ich mir die selbsternannten Herrenmenschen z.B. so ansehe, dann sollten wir wirklich ein paar Reserven mehr haben 😉 und auch dem Denkvermögen schadet die zusätzliche Sauerstoffzufuhr des Läufers sicher nicht.

      Beste Grüße
      Sebastian

  7. Hallo Sebastian,
    passender Artikel und sehr gute Kommentare dazu. Diese zeigen mir das doch noch nicht alles verloren ist. Je mehr Leute Aufstehen und Mut zeigen desto mehr werden auch die Politiker wach und merken das was passieren muss.
    Passend dazu hier ein Video von einer Rede, gesprochen nach dem Attentat in Berlin. Vor einem Eishockeyspiel hat der Stadionsprecher aufgefordert lauter zu sein, lauter als der Hass.
    http://www.focus.de/sport/videos/vor-eishockey-partie-emotionale-rede-von-krefelder-stadionsprecher-liebe-ist-staerker-als-hass_id_6402079.html
    Es wird Zeit dass wieder Menschlichkeit gelebt wird.
    Dir ein friedliches und gesundes neues Jahr
    Gruß Helmut

    1. Lieber Helmut,

      Auch wenn ich die Kommentare natürlich genau so erwartet hatte, sie ermuntern auch mich. Schon deshalb hat es gut getan, diese Gedanken hier zu teilen. Ab und an braucht es einer solchen Rückversicherung wohl.

      Dein link hat voraussichtlich leider eine kurze Lebensdauer und wird sehr bald ins Leere laufen, aber er zeigt zumindest solange sehr schön, dass es überall – auch dort, wo man es nicht als erstes erwartet – engagierte Menschen gibt, die ihre Reichweite zur Wahrung unserer Werte einsetzen. Sehr schön.

      Auf ein mutiges 2017, in dem Fakten und Vernunft auch medial wieder die Oberhand gewinnen.

      Und Dir ganz persönlich viel Gesundheit und frische Luft!

      Beste Grüße
      Sebastian

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