Im Wolfstrab durch die Farbenpracht

Wolfstrab

„Als der Mond über den Hügeln aufstieg und die Ebene mit milchigem Licht übergoß, sahen die Dorfbewohner (…) wie Mogli (…) in langem Wolfstrab dahinzog, mit dem gleichmäßigen Trott, der lange Meilen wie Feuer verschlingt.“ (Rudyard Kipling, Das Dschungelbuch)

Wo letzte Woche noch ein Weg war, ist jetzt nur noch ein Pfad. Hochwachsende Gräser – mit unzähligen kleinen Blüten in blau und gelb durchsetzt – säumen ihn und machen sich daran auch die verbliebenen Zentimeter zu erobern. Allein die zahlreich in der Pfadmitte versammelten Kieselsteine halten noch dagegen.

Von feuchtwarmer Luft umhüllt laufe ich durch die üppige, ja fast schon überladene und dampfende Natur.

 

Der Frühling macht dem Sommer Platz

Wie ein vergnügt lachendes Mädchen, abenteuerlustig und von natürlichem Liebreiz hat mich der Frühling auch dieses Jahr wieder entzückt. Das erste zarte Grün, gefolgt von der unvergleichlich schönen Zeit der Obstbaumblüte.

Die ersten Läufe in kurzer Hose und Shirt gingen mir so leicht und beschwingt vom Fuß, dass die Distanzen schnell länger wurden. Auch die ein oder andere Idee für ein neues Lauf-Highlight kam mir so vielleicht etwas vorschnell in den Sinn. Aber das werden erst die nächsten Monate zeigen.

Seit knapp zwei Wochen ist die Leichtigkeit nun gewichen – gleich dem jungen Frühling in Gestalt des liebreizenden Mädels.

Wie eine gereifte Dame kommt der späte Frühling jetzt daher. Sehr elegant, aber auch von allem ein bisschen zu viel. Ein wenig zu viel Farbauftrag, zu aufwändig das Kleid und zu schwer das Parfum.

Die zarten Obstbaumblüten sind passé. Im Garten verströmt der Redvine-Flieder seinen schweren Duft und betört damit die beeindruckend schönen und goldenen Rosenkäfer, die Hubschraubern gleich auf ihm landen und für lange Zeit berauscht in seinen Blüten versinken.

Sehr opulent kommt die Natur jetzt daher. Undurchdringlich ist jetzt wieder das Laub der Bäume, hüfthoch der Bewuchs am Wegesrand. Sesselgroß säumen an manchen Stellen die Blätter der Pestwurz den Waldweg. Selbst das invasive Springkraut hat seinen alljährlichen Siegeszug schon begonnen. Bald schon wird es an Wegesrand und Bachläufen wieder mannshoch die heimischen Pflanzen dominieren.

Wald oder Dschungel

So verabschiede ich mich in Gedanken bis September vom gerade belaufenen Pfad, denn erst dann wird er mir wieder Spaß machen.

Die Geräuschkulisse ist jetzt einmalig, unzählige Vogelstimmen unterschiedlichsten Klanges erfüllen den üppig blühenden, feuchtenwarmen Wald. Es fehlt nur das Gebrüll der Affen und man wähnte sich im dichten Dschungel Borneos. Die „Bandar-Log“ (=Affen im Dschungelbuch) kommt es mir in den Sinn.

Was einem beim Laufen so durch den Kopf geht. Das muss die schwüle Luft sein. Das Atmen fällt mir heute auch viel schwerer als noch zuletzt, der Schweiß rinnt in Strömen und der Schritt ist zu lang.

Das Dschungelbuch

Das Dschungelbuch ist dank der aktuellen Kino-Verfilmung gerade wieder in Mode und wahrscheinlich bin auch ich unterschwellig durch die Werbung dafür beeinflusst worden. Jedenfalls habe ich mir kürzlich das Original von Rudyard Kipling besorgt und meinem Sohn vorgelesen.

Das Menschenkind Mogli wächst in einem Wolfsrudel im indischen Dschungel auf und lernt dort so manches besser als seinesgleichen in den Dörfern der Menschen.

Der Wolfstrab gehört dazu. Dieser gleichmäßige Trab, der es den Wölfen ermöglicht über viele Stunden in einen moderaten Laufschritt zu verfallen und damit energiesparend große Distanzen zu überbrücken.

Imagination

Jetzt und hier – mittendrin im schwülen Wald, mit schwerem Schritt – fällt er mir ein.

„Ich stelle mir vor, ich wäre Mogli, der es den Wölfen gleichtut und in sanftem Trab geräuschlos durch den Dschungel gleitet.“

Viel leichter geht es jetzt. Deutlich sehe ich die kreisende Bewegung und den sanften Aufsatz der Pfoten vor meinem geistigen Auge. Die für Wölfe üblichen 10km in der Stunde sind es bei mir wohl nicht ganz, aber darauf kommt es auch nicht an.

Die Imagination des Wolftrabs verhilft mir zurück zur gewünschten Leichtigkeit und ich steuere wie vom Autopiloten gesteuert wieder deutlich leichtfüßiger durch den Wald.

Die Vorstellung der runden Trabbewegung hat mir schon vorher oft zu einem gleichmäßig leichten Schritt verholfen, doch hatte ich bisher stets an den Trab eines Pferdes gedacht.

Der Wolfstrab tritt ab sofort die Nachfolge an – er ist nicht nur leichtfüßig und rund, sondern auch noch geräuschlos. Das überlegene Gefühl des Jägers gibt es obendrein.

Seltsam was einem beim Laufen so in den Sinn kommt – aber nicht selten hilfreich.

20 Gedanken zu „Im Wolfstrab durch die Farbenpracht“

  1. Lieber Sebastian,
    ob in Mode oder nicht, das Dschungelbuch ist einfach ein sehr herausragendes Buch, nicht nur für Kinder, deshalb finde ich Deine Übertragungen auf Deinen Laufalltag bemerkenswert und fast schon nachahmenswert 😉
    Die Natur hat fast schon ein sommerliches Niveau erreicht und bald schon wird uns und auch der Natur die aufkeimende und durchscheinende Hitze weniger Vergnügen bereiten. Hier sind es momentan v.a. die vielen kleinen Zecken, die den Laufgenua auf den Wiesentrails trüben. Gibt es die bei Dir nicht auch?

    Salut

    1. Lieber Christian,

      leider gibts es diese Biester auch bei uns mehr als genug. Ich meide deshalb hohes Gras so gut es geht. Auf meinen Waldwegen habe ich mir in all den Jahren zum Glück keine aufgesammelt, und die Pfade, die jetzt zuwuchern, meide ich dann bis zum Herbst. Ich denke wir Läufer sind schon dadurch nicht so stark Zecken-gefährdet, dass wir in der Regel in Bewegung sind. Gefährlicher wird es erst beim längeren Verweilen an neuralgischen Punkten (Buschnähe, hohes Gras), denn auch die Zecke muss dich zum Glück erst wahrnehmen.

      Ich wünsche uns einen zeckenfreien Laufsommer.

      Beste Grüße
      Sebastian

  2. Lieber Sebastian,

    der Wandel des Frühlings, sehr schön geschrieben und genau das ist zur Zeit auch mein Empfinden. Nur hätte ich es nicht in so poetische Worte kleiden können.

    Moin Moin aus dem hohen Norden
    Volker

    1. Hallo Volker,

      schön, dass ich Dein Empfinden treffen konnte. Ich war wohl von der schwülen Luft und dem starken Blumenduft etwas eingelullt, weshalb mein Beitrag dieses Mal etwas poetischer ausgefallen ist 😉

      Beste Grüße in den hohen Norden
      Sebastian

  3. Servus Sebastian,

    und es ist tatsächlich ein Wunder was uns jedes Frühjahr präsentiert wird.

    Ich laufe ja oft unseren alten Bahndamm entlang und da kann es schon passieren, dass der Weg über Nacht hüfthoch zu ist.
    Unglaublich mit welch einer Kraft die Natur auftritt.

    Für mich ist es auch immer eine gute Erinnerungen wie wir Gast sein dürfen in dieser Fülle.

    🙂

    Viele Grüße,
    Hans

    1. Servus Hans,

      ist das der Bahndamm aus Richtung Grafing, der ab und an mal in der Presse ist, weil man ihn zu asphaltieren gedenkt? Oder ist das schon vom Tisch?

      Dass wir nur Gäste in der Natur sind, das kann man uns wohl kaum oft genug ins Gedächtnis rufen. Uns Landschafts-Läufern ist das zumindest meistens klar 😉

      Beste Grüße
      Sebastian

      1. Das ist der ja und das ist noch nicht vom Tisch … Es wären wohl gescheiter man würde die Straße für Radfahrer sicherer machen und nicht den Damm teeren.
        Aber das ist nur meine Meinung 🙂

  4. Die Macht der Bilder!

    Erstens hast du die Natur genauso üppig beschrieben, wie sie sich zur Zeit darstellt. Volltreffer!
    Zweitens die Sache mit dem Wolfstrab: schon die Vorstellung reicht aus, um den Lauf leicht und locker werden zu lassen.

    Lustigerweise habe ich den neuen Dschungelbuch-Kinofilm gerade vorletztes Wochenende angeschaut und war kurz darauf bei uns im Wald barfuß unterwegs, was ein paar Fußgänger zu komischen Bemerkungen verleitet hat. Den Film noch gut in Erinnerung dachte ich mir: „Bei Mowgli hat keiner blöde Bemerkungen gemacht, obwohl der auch barfuß durch den Wald flitzt“. Nun ja, hätte ich Shere Khan im Schlepptau gehabt, wären die Reaktionen anders ausgefallen 🙂

    Genieß‘ den Wolfstrab, wo auch immer du unterwegs bist!

    Liebe Grüße
    Wolfgang (klingt fast wie Wolfstrab, nur etwas langsamer)

    1. Hallo Wolfgang,

      ich habe den Film noch nicht gesehen. Wollte mit meinem Sohn rein gehen, habe dann aber gehört, dass er für einen Fünfjährigen vielleicht noch etwas zu früh ist. Deswegen haben wir es erstmal vertagt.

      Wolfgang wäre für mich derzeit als Name ganz gut passend, habe letzte Woche zwei Marathons in flotten Wanderstil hinter mich gebracht. Ich war körperlich schlecht drauf, hatte aber sturmfrei und wollte deswegen trotzdem lang unterwegs sein. Laufend würde ich momentan wohl auch 5 Std. dafür brauchen und schnell gehend waren es jeweils 7 – soviel liegt da bei mir gar nicht mehr dazwischen. …dafür bist ja Du derzeit eher ein Wolfsgalopp 😉

      Beste Grüße
      Sebastian

  5. Ich mag deinen Schreibstil!
    Diese Schwüle macht auch mir leider sehr zu schaffen und gibt mir öfter das Gefühl am Limit zu sein bzw. einen Tiefpunkt zu haben..bin eigentlich mehr für den Herbst und Winter zu haben.

    Mit Wolfstrab setze ich das Gefühl gleich, wenn man an den Punkt kommt, an welchem man kaum mehr wahrnimmt, dass man läuft. Das ist ein wahnsinnig tolles und beschwingtes Gefühl und man nimmt die Natur viel mehr wahr, kann sich auf alle Details fokussieren, Zeit und Raum werden nebensächlich…das Hier und Jetzt und der Einklang damit gehört für mich zu den heilsamsten Erfahrungen für die Seele.

    LG,
    Jamie

    1. Hi Jamie,

      lieben Dank, das freut mich 🙂

      Ja, dieses von Dir beschriebene Gefühl kennen wir Läufer wohl alle – nur empfindet es wohl jeder etwas anders. So nennen es auch alle anders. Die Schnellen rennen wahrscheinlich dem runners-high hinterher, andere dem FLOW und Langstreckler nennen es vielleicht ihren ultimativen Ultra-slog, Wolfstrab oder wie auch immer.

      Das Bild ist es, was für mich den Unterschied macht – denn das kann man gedanklich heraufbeschwören.

      Ich empfinde es ansonsten glaube ich ähnlich wie von Dir beschrieben, nur nicht ganz so beschwingt vielleicht 😉

      Danke für Deinen Kommentar!

      Beste Grüße
      Sebastian

  6. Hallo Sebastian, schön poetisch und Ruhe ausstrahlend geschrieben. „Seltsam was einem beim Laufen so in den Sinn kommt“, genau das denke ich auch oft, besonders auf längeren Strecken stricke ich mir manchmal regelrechte Geschichten zusammen, die ich allerdings leider spätestens unter der Dusche wieder vergessen hab.
    Beim Wolfstrab gibts einen kleinen Haken, die pelzigen Kollegen sind auf vier Füßen unterwegs, du auf zwei (hoffe ich). Ich könnte ja jetzt einen Vergleich zum zweibeinigen Strauß herstellen, der ja auch lange Strecken laufen kann, aber … nee, Wölfe sind irgendwie cooler 😉
    Also immer schön weiter im Wolfstrab über Lärchenlaub, beste Grüße aus dem Rheinlandwaschkessel, Oliver

    1. Hallo Oliver,

      das mit den vier Pfoten stört mich bei der Imagination gar nicht. Für den Trab sind mir bildlich sowieso nur die Vorderpfoten hilfreich und präsent. Es geht mir ja nicht darum, den Laufstil eines Tieres zu kopieren.

      Geschichten – auch abstruse – kommen mir beim Laufen auch gerne in den Sinn. Blöd ist nur, wenn sich Probleme oder Ärgernisse in den Vordergrund drängen, da steigt mein Puls dann gleich mal satt an und ich kann das leider noch nicht so einfach ausschalten. Es kommt einem eben in den Sinn und wird nicht etwa aufgerufen oder ausgewählt. Die blöden Geschichten sind nach dem Duschen aber zum Glück auch weg 😉

      Beste Grüße
      Sebastian

  7. Hallo Sebastian,
    komme gerade von meiner Waldrunde, zwischen den aktuellen Gewittern mit Starkregen ist es in der Natur herrlich. Die Vögel kommen aus ihren Unterschlupf raus und genießen die Sonnenstrahlen, es ist auf natürliche Art friedlich still und macht riecht den Wald >> herrlich.
    Der Vergleich mit den Wölfen finde ich klasse. Sie laufen schnell, ausdauernd und ganz leise.
    Wenn wir uns im Wolfstrab anderen Fußgängern von hinten nähern dann müssen wir uns bemerkbar machen damit wir sie nicht beim überholen erschrecken. Ganz anders als viele Jogger die stampfend und hechelnd schon von weiten zu hören sind.
    Klasse finde ich die auch die cani-crosser, die mit ihren Hunden eine Einheit bilden, vereint im Schritt und in den Gesten. Absolut nicht störend und beängstigend.
    Laufende Grüße vom Niederrhein
    Helmut

    1. Hallo Helmut,

      schön, von Dir zu lesen. Der Wolfstrab als Bild gefällt mir auch selbst immer besser. Und das mit den überraschten Fussgängern erlebe ich dauernd und muss jedesmal schmunzeln, wenn ich die erschreckten Gesichter sehe. Irgendwie eine schöne Bestätigung eines leichtfüssigen Laufes. Ich mache mich jetzt manchmal schon vorher durch ein Räuspern oder ein „nicht Erschrecken bitte“ bemerkbar. Nicht, dass da einer mal zu arg erschreckt wird 😉

      Ich habe vorgestern übrigens spontan meinen ersten Hunderter unter die Beine genommen – leider nicht durchgängig im Wolfstrab, aber dazu bald mehr.

      Beste Grüße
      Sebastian

      1. Hallo auf diesen Bericht bin ich gespannt überlege dir gut was du berichtest ich könnte dich korrigieren. Gruß deine Begleitung beim ulmer 100 km nachtlauf. Günter der 2 Sekunde schneller war. Ha ha

        1. Hallo Günter,

          herzlich willkommen hier. Und Du kannst ganz unbesorgt sein, ich habe mich noch immer an die Tatsachen gehalten. Ich schmücke sie allenfalls mal etwas aus, um das Lesen attraktiver zu machen. Zumindest versuche ich das 😉

          Beste Grüße
          Sebastian

          1. Okay super die Seite war überrascht daß du so schreiben kannst ich glaube nicht daß du davon im laufe der Nacht etwas erwähnt hast. Sind da noch mehr Bilder von dir irgendwo im Hintergrund schreibe mal schön ich bin gespannt Gruß und bis bald

          2. Hallo Günter,

            mit Bildern habe ich es nicht so. Der Blog soll eigentlich mehr über Laufphänomene gehen als über mich persönlich. Deshalb steht auch der FlowRunner immer vorne dran 🙂

            Beste Grüße
            Sebastian

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