Wenn das Herz beim Laufen stolpert

Kann zu viel Sport dem Herz schaden?

Man kann seinem Herzen wenig mehr Gutes tun, als es regelmäßig durch Ausdauersport zu stärken. Dafür gibt es wenig Widerspruch und wer ein sportlich aktives Leben führt, wird das sofort unterschreiben. Mir geht es da nicht anders.

Und dass Sport dem Herz unter ungünstigen Umständen, wie zum Beispiel während eines bakteriellen oder viralen Infektes, auch schaden kann, das ist hinlänglich bekannt.

Doch es mehren sich Hinweise, dass auch die hohen Ausdauerbelastungen wie sie ambitionierte Läufer und Radsportler über Jahre erbringen, zumindest bei einem Teil der Athleten nicht ohne folgenschwere Spuren am Herzen vorübergehen.

The Haywire Heart – How too much exercise can kill you… ist der Titel des aktuellen Buches von Chris Case, John Mandrola und Lennard Zinn, drei zum Teil selbst betroffenen Leistungsportlern. Keine Frage, dass ich das lesen musste.

 

Kann zu viel Sport schlecht für das Herz sein?

Und wenn ja, wie merkt man das?

Wenn man als Ausdauersportler spürt, dass sich mit dem eigenen Herz irgendetwas verändert, dann will man das zunächst nicht wahrhaben.

Was sollte schon sein? Man vollbringt immer noch große Leistungen, lebt gesund und auch der gelegentliche ärztliche Check lieferte noch nie beunruhigende Ergebnisse.

Und trotzdem ist da manchmal etwas, von dem man spürt, dass es früher nicht da war.

The Haywire Heart

(wörtlich übersetzt: Das verrücktgewordene Herz)

In The Haywire Heart berichten zahlreiche betroffene Athleten von ihren Erfahrungen mit Herzereignissen im Sport. Einer davon ist Lennard Zinn, ein in Radsportkreisen bereits als Technik-Guru bekannter Autor und selbst auch im US Nationalteam jahrelang wettkampforientiert auf dem Rennrad unterwegs.

Zinn hat, nachdem er selbst unvermittelt Herzprobleme bekommen hatte, die ihn zur Aufgabe des Leistungssports zwangen, angefangen, Erfahrungsberichte über herzbedingte Zwischenfälle anderer Leistungsportlern zu sammeln und er war erstaunt über die Anzahl der teilweise erschreckenden Fälle.

Zusammen mit dem Kardiologen John Mandrola und dem Herausgeber Chris Case (VeloNews), beide selbst erfahrene Leistungssportler, geht er den Berichten in The Haywire Heart systematisch und wissenschaftlich fundiert auf den Grund.

Und obwohl der Untertitel zunächst – vielleicht typisch amerikanisch – etwas effektheischend wirkt, schaffen es die Autoren, dass man sich bei der Lektüre des Buches als Sportler verstanden und nie geängstigt fühlt. Beunruhigende Inhalte werden immer relativiert und sehr komplizierte Zusammenhänge verständlich erklärt.

Die Autoren schaffen es durch die Praxisbeispiele, dass man sich gut in die Problematik hineindenken kann und immer wieder merkt man, dass hier Ausdauersportler für ihresgleichen schreiben.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Missachtung der ersten Symptome, denn kaum einer der Betroffenen nimmt diese zunächst wirklich ernst.

Zuerst ist da die Verdrängung

So ging es mir vor Jahren selbst. Ich kann heute nicht einmal mehr genau sagen, wann es losging, denn es entwickelte sich schleichend. Irgendwann spürte ich nach Wettkampfbelastungen eine seltsame innere Unruhe, später dann auch Beklemmungsgefühle beim Duschen und auf der Heimfahrt.

Mein Puls beruhigte sich nach der Belastung oft lange nicht und ich konnte am Abend nicht mehr richtig einschlafen. Aber am nächsten Tag war wieder alles gut und ich beruhigte mich dadurch, dass es eben ein harter Wettkampf gewesen war.

Dennoch reagierte ich mehr oder weniger bewusst auf die Veränderungen. Mein Interesse am Wettkampf nahm sukzessive ab (auch eine Folge der Resultate) und mein Interesse an langen Distanzen mit niedrigerem Belastungsniveau wurde größer.

Die negative Entwicklung schritt dennoch fort. Meine Belastungsfähigkeit wurde weiter geringer, was ich zwischenzeitlich darauf zurückführen konnte, dass ich nicht mehr so viel und schon gar nicht mehr hart trainierte.

Die Erfahrungen der Ausdauersportler in The Haywire Heart unterscheiden sich natürlich von meinen, genauso wie sie das untereinander tun, allen gemeinsam ist jedoch, dass der Betroffene zunächst nicht wahrhaben möchte, dass mit seinem Herz etwas nicht stimmen könnte.

Die Sportler und ihre Symptome

Beschrieben werden vor allem Störungen des Herzrhythmus, begonnen von einfachen Extrasystolen über anfallsartig auftretende Tachykardien (Herzrasen) bis hin zum Vorhofflimmern.

Die klassischen Herz-Kreislauf-Symptome wie Atemnot, Erschöpfungszustände und Brustschmerzen spielen in den Beschreibungen der langjährigen Leistungssportler erwartungsgemäß eine untergeordnete Rolle.

Der Schwerpunkt der Erfahrungen liegt klar auf Störungen des Reizleitungssystems des Herzens, denn in diesem Bereich scheint es eine auffällige Häufung unter Ausdauersportlern zu geben, vor allem wenn sie ihren Sport über Jahrzehnte auf hohem Belastungsniveau ausgeübt haben.

Die Mehrzahl der betroffenen Sportler ist älter als 40 Jahre, wenn die ersten Symptome auftreten, und seit vielen Jahren leistungsorientiert auf dem Fahrrad, auf Skiern oder in Laufschuhen unterwegs.

Viele haben eine Vergangenheit als erfolgreiche Leistungssportler, aber auch die spät berufenen mit aktuell hohem Trainingsaufwand scheinen nicht weniger betroffen zu sein.

Letztere haben vor allem bei einem weniger gesunden Lebenswandel in früheren Jahren zusätzlich noch ein erhöhtes Risiko für eine arterielle bzw. koronare Herzerkrankung. Auf diese Thematik wird jedoch nur zur Abgrenzung eingegangen.

Erweckungserlebnis

Eines Tages hatte ich es satt, sportlich nur noch „rumzueiern“. Ich hatte passenderweise gerade Lauf oder stirb von Kilian Jornet gelesen und beschloss mich bei einem Trainingslauf auf den Wendelstein auch selbst mal wieder richtig zu fordern, und das obwohl es schon von Beginn an nicht richtig rund lief.

Ich dachte, ich müsse mich einfach wieder an die höhere Belastung gewöhnen und zog den Lauf so gut es ging durch.

Auch diesmal fühlte ich mich am nächsten Tag trotz eingeschränkter Nachtruhe wieder relativ normal. Noch einen Tag später ging ich wieder laufen und bekam dabei so schlecht Luft, dass ich Gehpausen einlegen musste. Als Pollenallergiker vermutete ich die Ursache in der Luft.

Das zog sich eine Woche lang so hin, und da auch das Asthmaspray keinerlei Veränderung bewirkte, führte mich das eine Woche später zum Kardiologen, der mir eröffnete, dass ich zumindest mal an einer linksventrikulären Herzmuskel-Hypertrophie leide (krankhafte Verdickung der Herzscheidewand).

Zur Ursachenerforschung standen weitergehende Untersuchungen an und ich sollte zunächst keinen intensiven Ausdauersport mehr betreiben.

Während des damaligen Belastungs-EKGs hatte ich außerdem ein paar „Herzstolperer“ (Extrasystolen) und seitdem weiß ich wenigstens, was dieses seltsame Gefühl bedeutet, dass ich vorher schon öfter auch beim Laufen gespürt hatte.

Dass ich mit meiner Geschichte glimpflich davongekommen bin, illustrieren die Erweckungserlebnisse in The Haywire Heart eindrucksvoll, denn im schlimmsten Fall enden z.B. die beschriebenen Reizleitungsstörungen in einem Kammerflimmern, das den sofortigen Kreislaufzusammenbruch bedeutet und besser als plötzlicher Herztod bekannt ist.

Herzrhythmusstörungen können gefährlich sein – oder auch ganz harmlos

Das Kammerflimmern ist zum Glück ein sehr seltenes Phänomen, dem in der Regel eine Schädigung der Reizübertragung innerhalb der Herzkammer oder eine andere Herzkrankheit zugrunde liegt. Die gefährlichen Rhythmusstörungen, die die Herzkammer selbst betreffen, sind also sehr selten, und auch unter den im Buch zitierten Ausdauersportlern die absolute Ausnahme.

Sehr viel häufiger haben Herzrhythmusstörungen ihren Ausgang im Reizleitungssystem der Vorhöfe, was zumindest unmittelbar nicht lebensbedrohlich ist.

Denn selbst bei einem Vorhofflimmern, bei dem die aktive Pumpfunktion des Vorhofes zum erliegen kommt, ist eine ausreichende Versorgung des Körpers mit Blut weiter gewährleistet, mancher Betroffener empfindet ein Vorhofflimmern nicht einmal als besonders beunruhigend.

In der Regel findet der Vorhof auch ohne ärztliche Intervention wieder zu seinem Rhythmus. Dennoch ist das Vorhofflimmern eine ernste Sache, da sich dadurch das Risiko für die Bildung eines Blutgerinnsels im Herzen drastisch erhöht, was im schlimmsten Fall zu einem Schlaganfall führen kann.

Das Vorhofflimmern ist die am häufigsten beschriebene Erfahrung der geschädigten Ausdauersportler in The Haywire Heart.

Die meisten Störungen des Herzrhythmus sind harmlos

Viele Menschen erleben regelmäßig Extrasystolen (eine zusätzliche Kontraktion der Herzkammer ohne vorherige Entspannungsphase), die man selbst nicht als Pulsschlag merkt, sondern dadurch, dass der nächste spürbare Herzschlag erst etwas zeitversetzt kommt. Meist erfährt man Extrasystolen in Ruhephasen.

Aufgrund der bei Ausdauerathleten hohen Differenz zwischen Ruhepuls und Maximalpuls und der längeren Entspannungsphasen zwischen den Herzschlägen in Ruhe, ist die Wahrscheinlichkeit für solche Extrasystolen bei sportlich aktiven Menschen sogar höher.

Wann muss man Herzstolpern beachten?

Beachtenswert werden solche Extrasystolen, wenn sie sich stark häufen und auch dann, wenn sie während der Belastung auftreten, was zwar selten ist, dann aber ein erhöhtes Risiko für eine Entgleisung des Herzrhythmus darstellt (Flimmern oder Flattern).

Ebenso ärztlich überprüfen lassen sollte man unmittelbar auftretende Tachykardien (Herzrasen), vor allem wenn sie in der Belastung auftreten ohne dass z.B. ein Zusammenhang mit der momentanen Belastung herzustellen ist, z.B. wenn man gleichmäßig mit einer Herzfrequenz von 130 läuft und der Puls ohne Tempoveränderung plötzlich drastisch ansteigt (das spürt man, also bitte nicht mit einer Fehlmessung des Pulsmessers verwechseln).

Solche Tachykardien sind meist von kurzer Dauer, können jedoch ein Hinweis auf eine vorhandene Störung des Reizleitungssystems oder eine andere Erkrankung des Herzens sein.

Doch zur entscheidenden Frage:

Kann zu viel Sport dem Herz wirklich schaden?

Die Autoren von The Haywire Heart beantworten diese Frage mit einem ziemlich klaren JA.

Die Erfahrungsberichte, aber auch jüngere Studien und Untersuchungen an Tieren scheinen einen Zusammenhang zwischen starker sportlicher Belastung und dem Auftreten zum Teil gefährlicher Herzrhythmusstörungen klar zu belegen.

Die Wahrscheinlichkeit steigt mit der Dauer und Intensität der sportlichen Belastung sowie dem Alter des Atleten, d.h. je länger und intensiver man sich in seinem Leben belastet hat, desto höher die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von nachhaltigen Herzrhythmusstörungen.

Eine bedeutende Rolle scheinen dabei auch die Belastungspausen zu spielen, denn gerade ambitionierte Sportler, die nebenbei voll berufstätig sind, sind häufiger betroffen als professionelle Athleten, die ausschließlich ihrem Sport nachgehen und der Erholung eine größere Aufmerksamkeit widmen.

Der zugrundeliegende Wirkungszusammenhang

Es scheint also einen Zusammenhang zwischen Herzrhythmusstörungen und langjähriger sportlicher Belastung zu geben. Doch wie kommt es zu den beschriebenen Störungen im Reizleitungssystem des Herzens.

Die Autoren benennen drei Körperreaktionen auf die sportliche Belastung, die sich negativ auf die Reizweiterleitung im Herzen auswirken können:

  • Belastungsbedingte entzündliche Prozesse
  • Vernarbungen des Herzmuskelgewebes
  • und die Ausweitung des Herzmuskelgewebes

Dass sportliche Belastungen zu entzündlichen Prozessen im Körper führen, ist lange bekannt und sogar Teil der wunderbaren körperlichen Anpassungsfähigkeit unseres Körpers, der auf die sportliche Belastung mit positiven Anpassungen reagiert, die sich im Bereich des Herzens durch eine bessere Durchblutung, eine höhere Herzschlag-Effizienz und auch einer physiologischen Vergrößerung des Herzens zeigt.

Es scheint jedoch eine kritische Größe der Belastungen zu geben, ab der die entzündlichen Prozesse nicht mehr nur zu positiven Anpassungserscheinungen führen.

Dies geschieht vor allem dann, wenn auf noch nicht ausgeheilte Entzündungsprozesse erneute Belastungen folgen.

Dass sich dauerhafte systemische Entzündungen negativ auf Herz und Gefäßsystem auswirken, ist lange bekannt. Dass sich durch Sport ausgelöste Entzündungen ähnlich auswirken könnten, das wird erst jüngerer Zeit vermehrt diskutiert und analysiert.

So zeigen Massen-Blutuntersuchungen bei sportlichen Großereignissen (z.B. Marathonläufen) häufig eine Reaktion des Herzens mit Stress-Hormonen (wie z.B. Troponin), die sonst nur bei akut lebensbedrohlichen Verletzungen des Herzmuskels auftreten, wie etwa nach einem Herzinfarkt.

Wie gut das Herz solche Belastungen übersteht, ist individuell verschieden und dürfte auch vom Alter des Athleten abhängen.

Es gibt jedenfalls Hinweise darauf, dass entzündliche Prozesse aufgrund großer Belastungen ihre Spuren im Herzen hinterlassen, wenn sie nicht durch ausreichend Erholung ausheilen können.

Dies ist der Fall, wenn die nächste Belastung zu früh kommt. Diese Spuren zeigen sich bei genauer Inspektion als minimale Vernarbungen, wie sie in herkömmlichen Untersuchungen (d.h. ohne Innenansicht) leider nicht so einfach nachweisbar sind.

Das Reizleitungssystem des Herzens

Um zu verstehen, dass sich auch minimale Vernarbungen im Herzmuskelgewebe auf den Herzrhythmus auswirken können, muss man wissen, dass die Reizweiterleitung innerhalb des Herzens nicht wie sonst im Körper mit Hilfe von Nervenzellen geschieht.

Herzmuskelzellen sind nämlich in der Lage, den Reiz direkt von einer Zelle auf die nächste zu übertragen.

Dies gewährleistet nicht nur Redundanz beim Versagen einzelner Beteiligter in der Reizweiterleitung, sondern auch eine gleichmäßige wellenförmige Ausbreitung des Kontraktionsreizes und damit die für den Pumpeffekt erforderliche Kontraktion der Herzkammer von unten nach oben.

Stellt man sich nun die Reizweiterleitung bildlich vor, z.B. wie die Wellenausbreitung, wenn man einen Stein in ein stilles Gewässer wirft, dann sollte man sich die Vernarbungen an der Oberfläche der Herzmuskelzellen wie kleine Felsen vorstellen, die ein kleines bisschen aus der Wasseroberfläche herausragen.

Der Wellenverlauf wird an diesen Stellen abgelenkt, wie stark, das hängt von Ausmaß und der Anzahl der Felsen ab. Jedenfalls kann man sich so vielleicht vorstellen, dass die Reizweiterleitung nicht mehr so glatt läuft, wie es vorher einmal war.

Was fängt man nun mit diesem Wissen an?

Wer sich regelmäßig sportlich belastet, sollte sich mindestens einmal grundsätzlich von einem Kardiologen auf gegebenenfalls vorhandene Herzerkrankungen untersuchen lassen.

Wer zusätzlich Wettkämpfe bestreitet, sollte dies regelmäßig tun. Je höher das Alter, desto kürzer die Abstände.

Außerdem sollte man sich unbedingt kardiologisch untersuchen lassen, wenn man irgendwelche Symptome oder Herzfrequenzereignisse spürt.

Aber das galt irgendwie schon immer.

Neu ist für mich die Erkenntnis, dass es, selbst wenn man sich regelmäßig ärztlich untersuchen lässt, vor allem auf die Wahrnehmung des eigenen Körpers ankommt und man Alarmsignale nicht ignorieren sollte. Denn die oben genannten Veränderungen werden in einer frühen Phase nicht erkannt werden.

Solche nicht offensichtlichen Alarmsignale können sein:

  • Andauernde Müdigkeit und Erschöpfungszustände
  • Nächtliche Unruhe, Beklemmungsgefühle
  • Spontan auftretende Tachykardien (Herzrasen)
  • Herzrhythmusstörungen während der Belastung
  • Gehäuftes Herzstolpern (Extrasystolen) auch in Ruhe

Allein das frühere Wissen, dass belastungsbedingte Entzündungsprozesse auch das Herz betreffen, hätte bei mir vielleicht dazu geführt, mehr auf die nötigen Erholungsphasen zwischen starken Belastungen zu achten.

Umso mehr, wenn der Körper zusätzlich durch andere dauerhaft entzündliche Prozesse geschwächt wird, wie es z.B. auch bei starken Pollenallergikern der Fall ist.

Was habe ich selbst geändert?

Nach meiner eigenen Herzgeschichte (bei Interesse mehr dazu hier), die sicherlich nur bedingt mit dem hier beschriebenen Zusammenhängen zu vergleichen ist, habe ich mein Belastungsniveau sukzessive soweit abgesenkt, bis ich während des Sports (Symptome: Atemnot, Herzstolpern) und danach (Unruhegefühl, Beklemmung) keine Symptome mehr entwickelte.

Dieser Prozess dauerte mehr als ein Jahr und war nicht einfach. Vielleicht begann ich auch deswegen in diesem Blog darüber zu schreiben, wie ich auf diesem niedrigen Belastungsniveau Freude am Sport haben und mich trotzdem läuferisch weiter entwickeln kann.

Mittlerweile sind mehr als vier Jahre vergangen, in denen ich keinen sportlichen Wettkampf mehr angenommen habe, weder privat noch organisiert.

Ich lasse mich einmal im Jahr kardiologisch untersuchen und meine hypertrophierte Herzscheidewand hat sich sogar wieder etwas zurückentwickelt.

Auch Rhythmusstörungen in der Belastung habe ich nur noch sehr selten, da ich Herzfrequenzen oberhalb von 80% meiner maximalen HF grundsätzlich meide.

Zusätzlich achte ich viel stärker auf meine momentane Verfassung, die mittlerweile auch wetterabhängig ist. Fühle ich mich gut, fordere ich mich nach Gusto. Fühle ich mich schlapp, dann begnüge ich mich auch mal mit einem längeren Spaziergang.

Hier nähert sich meine Geschichte übrigens der der meisten Betroffenen in The Haywire Heart wieder an. Fast alle bewegen sich weiterhin leidenschaftlich, nur ohne Wettkampfgedanken und insgesamt entspannter (z.T. jedoch auch erst nach operativen Eingriffen).

Epilog

Dieser Beitrag ist mein Versuch, den in The Haywire Heart beschriebenen, sehr komplexen Zusammenhang zwischen langjährigem Leistungssport und Herzproblemen, verständlich dar zu stellen.

Für den medizinisch interessierten Laien – wie ich einer bin – ist das Buch eine spannende und fordernde Lektüre gewesen. Leider ist es bis jetzt nur in englischer Sprache erhältlich, was das Verständnis nicht gerade erleichtert.

Das Thema liegt mir im Wortsinn am Herzen.

Solltest Du selbst Veränderungen bei Dir spüren und vielleicht auch beim Herz-Check keine Antwort darauf bekommen haben, dann möchte ich Dir – neben der Lektüre des beschriebenen Buches – empfehlen, Dich mit den von mir schon beschriebenen extensiven Trainingslehren von Phil Maffetone oder Ernst van Aaken zu beschäftigen.

Diese erscheinen mir gerade nach der Lektüre von The Haywire Heart aktueller als je zuvor.

Bitte zögert nicht, Fragen, Korrekturanregungen und eigene Erfahrungen über die Kommentarfunktion zu teilen. Ich freue mich gerade zu diesem Thema über jeden Beitrag.

13 thoughts on “Wenn das Herz beim Laufen stolpert”

  1. Lieber Sebastian,
    vielen Dank für die sehr gute Zusammenfassung des oben erwähnten Buches, was wirklich die Zusammenhänge ganz gut und nachvollziehbar versucht zu erklären und aufzudecken. Allerdings vermisse/vermisste ich den Vergleich mit den unsportlichen Menschen, denn Herzrhythmusstörungen und v.a. das Vorhofflimmern ist bei Menschen mit Herzgefügestörungen aufgrund von den gängigen Zivilisationskrankheiten nicht gerade selten, das Resultat ist dasselbe wie beim Ausdauersportler, nur der Weg dorthin ist ein anderer

    Du kennst meine Vorgeschichte zum Teil, Leistungssport in der Jugend, dann ungesundes Leben bis vor 15 Jahren und der Beginn mit dem Laufen 2003. Eine Myokarditis 2007 war nur eines der negativen Ereignisse im Rahmen der sportlichen Entwicklung. Seither bin ich in kardiologischer Kontrolle.
    Seit Jahren habe ich Extrasystolen in Ruhe und ganz selten auch mal beim Laufen. Nachdem ich seit einigen Jahren mit dem Rad zur Arbeit pendele, kam noch eine sportliche Betätigung dazu, die mehr auf kurzfristige Leistungsspitzen ausgerichtet ist…und im vergangenen Jahr hatte ich beim radeln dann erstmalig eine Tachykardie bis 220/Minute, die zeitlich limitiert war, allerdings mich richtig erschreckt hat….Hm, Mist dachte ich damals. Mein Kardiologe, selbst Ausdauersportler, hat mir das o.g. Buch empfohlen und mir eröffnet, dass ich dennoch zu denen gehöre, die gesünder sind als der Altersschnitt und trotzdem das gleiche Risiko habe eine HRST z.B. Vorhofflimmern (VHF) zu bekommen, wie eine Couch-Potato mit Übergewicht und Diabetes sowie Hypertonie

    Also lebe ich mit der Gewissheit evtl. irgendwann eine HRST zu bekommen, allerdings viel gesünder bin als andere…und solange mir das Laufen weiterhin Spass macht, schert es mich auch nicht…ich fühle mich gut

    Vielen Dank für diesen tollen Beitrag, was Anderes habe ich von Dir aber auch nicht erwartet. Bleib gesund und pass auf Dich auf

    Salut

    1. Ach übrigens, da ich nach der letzten Verletzung den Wiedereinstieg nach der Maffetone-Methode durchgezogen habe, sind die Extrasystolen weniger geworden….aber die Tachykardie war dennoch danach aufgetreten

    2. Mensch Christian,

      das haut mich jetzt echt um. Durch die regelmäßige Lektüre Deines Blogs weiß ich sicher ein paar Dinge, aber dieser Teil deiner Geschichte ist mir so nicht bekannt gewesen. Wahrscheinlich hast Du es zumindest seit 2014 nicht thematisiert.

      Oder der Teil, der mich vielleicht am meisten berührt, ist mir entgangen. Es tut mir ehrlich leid, davon zu lesen, aber zugleich ist es für mich natürlich auch interessant. Parallelen zum eigenen Erleben haben wohl immer eine fesselnde Komponente.

      Wenn ich Dich richtig verstehe, war bei Dir die Myokarditis der Auslöser aller weiteren „Herzgeschichten“. Ich nehme an, dass diese auch ihre Narben hinterlassen hat. Darüber würde ich bei Gelegenheit natürlich gerne mehr erfahren. Hast Du in deinem Blog jemals speziell darüber geschrieben? Wenn ja, dann wäre ich Dir für eine Verlinkung dankbar.

      Dass dich die kürzliche Tachykardie beunruhigt hat, dass kann ich gut nachvollziehen. Ich hatte auch schon ein paar spürbare, zum Glück nur sehr kurz. In Belastung kürzlich das erste Mal, an das ich mich erinnern kann. Ich habe mich hinterher sogar gefragt, ob der Schreck darüber, sie nicht erst so richtig angeheizt hat.

      Leider hat das Thema Herz immer auch eine psychische Komponente – das belastet mich ehrlich gesagt am meisten daran, dass man nie genau trennen kann, wieviel Aufregung daher kommt. Jedenfalls ist das bei mir so – wobei ich auch immer ruhiger werde. Je älter ich werde, desto mehr Vertrauen entwickele ich in dieser Hinsicht.

      Dein Kardiologe hat natürlich auch Recht, aber diesen Aspekt habe ich in dem Buch nicht vermisst, denn darum geht es darin ja nicht. Dass Sport toll und gesund ist, wird darin ja nie angezweifelt – es ist ja von leidenschaftlichen Sportlern geschrieben.

      Und ich bin immer noch überrascht darüber, was ich gerade von Dir gelesen habe und dass Du das Buch schon kennst.

      Liebe Grüße
      Sebastian

      1. Und zu Maffetone: wenn man schon einen Schaden hat, dann kann man ja nur noch verhindern, dass er sich ausweitet. Ich könnte mir jedoch vorstellen, dass ein so extensives Training wie es Maffetone propagiert, die meisten Schäden erst gar nicht entstehen lässt, wenn man es von Anfang an betrieben hat. Wobei das für eine Myokarditis natürlich fraglich relevant ist – die kann man ja auch ganz ohne Belastung bekommen – nur evtl. mit geringeren Folgeerscheinungen.

      2. Besonders ausführlich habe ich die Myokarditis auf meinem jetzigen Blog nicht thematisiert, in einem Beitrag von 2011 hatte ich die Episode erwähnt:
        https://regenlaeufer.wordpress.com/2011/06/20/eine-lauferische-bilanz/

        Ich glaube auf meinem alten Blog war es mal Thema…aber der ist schon lange gelöscht.

        Ja, das Buch steht hier im Bücherschrank, aber wie gesagt mich bestärkt ja eher der Standpunkt, dass ich mich gesund fühle und sowieso nicht weiß, was mir die Zukunft bringt…und die Vergangenheit lässt sich nicht mehr ändern

        Aber wenn Du gestattest, möchte ich durch Deinen Beitrag inspiriert, meine Gedanken in einen Beitrag fassen, ist das in Ordnung?

        Salut

  2. Lieber Sebastian, wieder mal ein äusserst umfassender und zum Nachdenken anregender Beitrag. Ich sehe mich als ambitionierten Hobbyläufer zwar nicht in der Risikogruppe, und habe bisher auch keins der beschriebenen Warnzeichen jemals erlebt, komme nun aber trotzdem leicht ins Grübeln über meinen Widerwillen regelmäßige Checkups vom Arzt durchführen zu lassen. Wird nach drei Jahren vielleicht einfach mal wieder Zeit dafür …
    Vielen Dank für den Wink und beste Grüße, Oliver

  3. Hallo Oliver,

    so sieht der Normalfall aus und es freut mich, dass Du da völlig unbeleckt bist. Schöner als Laufen ist nämlich schnelles Laufen 😉 – zumindestwenn es einem leicht fällt. Ich lese deshalb auch immer gerne von deinen unbeschwerten, flotten und auch langen Läufen. Klasse!

    Wenn Du nichts beunruhigendes spürst und vorher schon mal gründlich auf angeborene Schäden hin untersucht wurdest, dann würde ich mir weitere Untersuchungen auch erstmal schenken 🙂

    Beste Grüße
    Sebastian

  4. Hallo Sebastian,
     
    ich bin Wolfgang und selbst begeisterter Ultraläufer, deine Beiträge sprechen mir aus dem Herzen und spiegeln vieles von mir wieder.
     
    Ich bin viele Jahre sehr leistungsorientiert auf der Marathon- und Ultramarathondistanz unterwegs gewesen. Immer den Blick auf die Laufuhr, auf die Konkurrenten und auf die Meinung des Laufvereins gerichtet. Der Druck stieg immer mehr an und die Freude und die Leidenschaft für mein geliebtes Laufen nahmen immer mehr ab. Der ursprüngliche positive Nebeneffekt, der wunderbare Ausgleich zum stressigen Beruf als Fachpädagoge in der Behindertenarbeit, wurde verdrängt vom eisernen Willen, nur nicht nachzulassen und langsamer zu werden.
    Zu diesem Zeitpunkt war mir dies aber alles nicht bewusst und die Warnzeichen des Körpers (totale Erschöpfung und Unwohlsein)  wurden überhört.
     
    Es kam was kommen musste:
    Ich brach, nach einer dreijährigen berufsbegleitenden Weiterbildung und intensiven Lauftraining, zusammen und ich musste auf die Intensivstation ins Krankenhaus. Ich, der durchtrainierte Ultrasportler, der auch seine Erfahrungen bei der 100km Ulmer Nachtlauf 2009 gemacht hat.

    Die Diagnose Vorhofflimmern war ein totaler Schock.
    All das begann im Jahr 2013 und es folgten noch drei Kardioversionen nach erneuten Vorhofflimmern. Immer wieder stand ich auf und begann mit Betablocker und Blutverdünnern zu gehen, zu wandern und zu laufen.
    Im Jahr 2015 wurde dann eine Katheterablation in Bad Neustadt/Saale durchgeführt. Ich hatte das große Glück, dass mich eine begeisterte Triathletin operierte. Sie machte mir Mut und motivierte mich zwei Wochen nach dem Eingriff am Herzen wieder mit dem Lauftraining zu beginnen. Gleichzeitig fand ich einen Bericht von Tim Cole, der nach dem gleichen Eingriff wieder Marathon gelaufen ist, auf Youtube im Internet.
    Drei Jahre später gelte ich als medizinisch gesund und bin heuer wieder in der Laufszene bei Laufveranstaltungen aktiv geworden. Bei drei Marathons und einem Ultramarathon (Coburger Wintermarathon, Frankenweglauf, und 6 Std. Lauf von Deckersberg) war die Gemeinschaft mit anderen Läufern für mich sehr angenehm und bereichernd.
     
    Und trotzdem fühlte sich alles nicht echt und einfach anders für mich an:
    Die Lauffreunde von damals aus dem Laufverein haben sich verabschiedet, das Reden über Lauferfolge und Laufzeiten befremden mich total, der Neid und die Missgunst innerhalb der Laufgemeinschaft finden nicht meine Zustimmung und so richtig angekommen bin ich nicht.
     
    Die Jahre ohne Wettkampf und das autarke Laufen mit Laufrucksack auf selbstgewählten Trails (meist Fernwanderwege) finden viel mehr Zustimmung und gehen mir sehr an’s Herz. Das ist meine Leidenschaft und beim Erzählen darüber leuchten meine Augen.
     
    Getrieben von der inneren Stimme – du bist nicht richtig! – du musst doch alles mit deinem Laufverein in dem kleinem Ort absprechen und ihren Wünschen nachgeben! – du darfst doch kein Außenseiter sein! – zum richtigen Laufen gehören doch Wettkämpfe, Zeiten und die Gemeinschaft mit anderen Läufern! – kommen mir wieder große Zweifel, ob mein (Lauf)Weg der richtige ist.
     
    Nach einigen einsamen Läufen verfliegen die Zweifel wieder und ich komme zu dem Schluss, mir ein eigenes Laufmotto zu suchen. Schnell wurde ich fündig und laufe nun mit der Aufschrift „LAUFE DEINEN WEG“ auf meinen Laufshirts fröhlich durch die Gegend.
    Natürlich weiß ich, dass die Zweifel wieder kommen, aber es fühlt sich viel freier und müheloser an und vor möglichen Zweifeln habe ich keine Angst mehr.
     
    Nun fand ich auch noch deine Internetseite „mühelos laufen“ und sehe das als Zeichen von ganz oben für mich persönlich.
     
    Jetzt habe ich wieder das Gefühl auch ohne Laufzeit, Vereinsdenken, Wettkämpfen und Konkurrenzdenken in der großen Familie der Läufer aufgenommen und mitgenommen zu sein.

    Nun streife ich wieder mein Laufshirt an und laufe meinen Weg.
     
    Ich hoffe sehr, dass meine Geschichte auch anderen Läufern Mut machen kann und wünsche dir und allen Lesers ihren ganz persönlichen Lauf- und Lebensweg.
     
    mit sportlichen Grüßen
    Wolfgang

     

    1. Lieber Wolfgang,

      danke für Deine ermutigende Geschichte. Eine tolle Ergänzung für meinen Beitrag.

      Ich freue mich, dass Du Sie – nachdem Du sie mir erst per e-mail geschickt hattest, hier eingestellt hast. Sie passt hier einfach perfekt hin und wird vielleicht eines Tages einem anderen Läufer helfen, der darüber stolpert.

      Ich freue mich, dass Du wieder so gut laufend unterwegs sein kannst und danke Dir natürlich auch für Deine netten Worte zu meinem Blog.

      Irgendwo braucht es einen Platz für diese Geschichten, die zwar nur eine Minderheit unter uns Ausdauersportlern betreffen, die Betroffenen aber schnell isolieren in einem Umfeld, in dem es primär um Zeiten und Leistungen geht.

      Danke Dir!

      Beste Grüße
      Sebastian

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